Kultur : Die Selbsthilfegruppe

Trümmer von Guns N`Roses und Grunge: Velvet Revolver ist die neue Super-Band des Hardrock

Nadine Lange

Im Club der toten Rockstars warteten sie schon auf ihn. Doch irgendwie ist er immer wieder entwischt. So wie damals, als er sich kurz vor einem Auftritt zu viel Heroin in die Adern geknallt hatte und mit einer Adrenalinspritze gerettet wurde, die man ihm ins Herz rammte. Anschließend spazierte er auf die Bühne, als sei nichts gewesen.

Nach dem Handbuch des Rock´n´Roll zu leben, hat Slash inzwischen aufgegeben. Der frühere Leadgitarrist der Guns N´Roses ist clean, trinkt nicht mehr so viel und versucht sogar, mit dem Rauchen aufzuhören. Aus den wilden Zeiten sind dem 38-jährigen Familienvater nur die dichten braunen Locken und die Gitarre geblieben. Genug, um es noch einmal laut werden zu lassen – in einer neuen Band. Die Idee entstand 2002 bei den Proben zu einem Tribute-Konzert für den Ozzy-Osborne-Drummer Randy Castillo, als Slash seine ehemaligen Guns N´Roses-Kollegen Duff McKagan und Matt Sorum wiedertraf. Die drei harmonierten sofort: „Da war immer noch etwas sehr Starkes und Intensives zwischen uns“, erinnert sich Slash. Also trafen sie sich wieder, holten mit Dave Kushner einen zweiten Gitarristen dazu, schrieben Songs und probten. Nur einen Sänger fanden sie nicht sofort, obwohl viel Prominenz erschien. Die Lösung fand schließlich Bassist McKagan: Er fragte Scott Weiland, dessen Stone Temple Pilots sich gerade aufgelöst hatten.

Damit vereint Velvet Revolver Protagonisten aus zwei Strömungen des Westküsten-Rock, die zu Beginn der Neunzigerjahre Konkurrenten waren: Hardrock/Metal und Grunge. Guns N´Roses hatten sich 1987 mit ihrem infernalischen Debüt „Appetite for Destruction“ auf den Thron der harten Gitarrenmusik katapultiert. Das Album wurde zum Klassiker und verkaufte sich in den USA 15 Millionen Mal. Die Band um den exzentrischen Sänger Axl Rose konnte daran nie wieder anknüpfen. So waren die beiden 1991 eingespielten Doppelalben „Use you Illusions I & II“ vor allem ein Zeugnis von Größenwahn und beginnendem Verfall. Die alte Energie und Genialität der Band blitzte nur vereinzelt auf. Eine Woche später erschien Nirvanas „Nevermind“ und leitete den Thronsturz ein: Grunge drehte Metal den Strom ab. Die meist aus Seattle stammenden Bands verzichteten auf bombastische Rifforgien, angeberische Gitarrensoli und kreischenden Gesang. Sie setzten stattdessen auf die emotionale Wucht ihrer Songs. Auch Scott Weiland und seine Stone Temple Pilots waren daran beteiligt: Ihr Debüt „Core“ (1992) mit der großartigen Single „Plush“ passte genau in den neuen Sound. Doch diesen Kurs konnten die Piloten nicht lange halten. Scott Weiland begann, Heroin zu nehmen, es gab Streit in der Band, und das letzte Album „Shangri-La Dee Da“ (2001) stürzte ab wie ein Hubschrauber mit gebrochenem Rotorblatt. Weiland ist noch immer in Turbulenzen.

So wurde er während der Arbeiten am Velvet-Revolver-Debüt einige Male wegen Drogenbesitzes und Verstoßes gegen Bewährungsauflagen verhaftet. Schließlich landete er in einer Reha- Wohnanlage, in die er jeden Abend zurückkehren muss. Außerdem nimmt er Medikamente gegen seine manische Depression. Die beste Medizin scheint jedoch die neue Band zu sein: „Diese Jungs haben mich aufgefangen. Während all der Probleme, die ich durchmachte, waren sie da. Das ist mehr, als ich je erwartet hätte – und mehr, als ich je erlebt habe“, sagt der Sänger.

Seine schwierige Situation spiegelt sich auch in den Texten des Albums „Contraband“, das gerade auf Platz sieben in die deutschen Album- Charts eingestiegen ist(RCA/BMG). An jeder Ecke stehen Dämonen, Gehirne schmelzen und Knochen brechen. Dazu kommt der zersetzende Schmerz über den Verlust einer Liebe. Das alles brüllt sich Scott Weiland mit seiner tiefen, immer leicht gequälten Stimme von der Seele. Er klingt von der ersten Zeile an kraftvoll und überzeugend. Dabei erinnert sein Gesang – wie schon zu Stone Temple Pilots-Zeiten – mitunter sehr stark an Layne Staley von der Grunge- Band Alice in Chains. Besonders im Refrain der Single „Slither“ meint man den vor zwei Jahren verstorbenen Junkie Staley am Mikrofon zu hören. Annäherung an den Stil von Axl Rose vermeidet Weiland hingegen.

Die Band spielt überwiegend hochtourigen Breitwandrock mit einigen chromverblendeten Extras: Angetrieben von einer sehr druckvollen Rhythmus-Sektion, jagen die Gitarren durch ihre Riff-Kaskaden, Breaks und Soli. Das Timing ist präzise wie bei einem elektronischen Schaltwerk. Mit geschickten Verzögerungen und hübschen Schlenkern gelingt es Velvet Revolver, auch eher stumpfen Songs wie „Big Machine“ noch interessante Wendungen zu geben. Slash streut mit schnellen Fingern seine Signaturen in die Songs und erlaubt sich immer wieder Guns N´Roses-Reminiszenzen, wenn er etwa zu Beginn von „Superhuman“ sein prägnantes Intro aus dem Hit „Sweet Child O´Mine“ zitiert.

Routiniert absolviert das Quintett aus Los Angeles auch drei langsamere Stücke, die allerdings gelegentlich in den Grenzbereich zum Kitsch geraten. Vor allem das letzte Stück „Loving the Alien“ treibt es in knapp sechs Minuten ein bisschen zu weit mit seiner Feuerzeugschwenker-Seligkeit. Dennoch ist Velvet Revolver mit „Contraband“ ein unterhaltsames, modernes Rock-Album gelungen. Ein Werk, auf das Axl Rose sicher ein bisschen neidisch sein wird. Er selbst verzettelt sich nämlich seit Jahren in dem Bemühen, ein neues Guns N´Roses-Album aufzunehmen. Wenigstens einen Titel hat es schon: „Chinese Democracy“.

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