Kultur : Die Sprengkraft von Paris

Eric Hazans Buch über die französische Hauptstadt

Bruno Preisendörfer

Seit rund 150 Jahren werden vor den Pariser Cafés Tische auf die Trottoirs gestellt. Diese kulturhistorische Petitesse gehört zu den Anekdoten, die sich in Eric Hazans Parisbuch am Rande des nicht immer leichtfüßig beschrittenen Weges auflesen lassen. „Kein Schritt ist vergebens“, heißt es im Untertitel des Werks nach einer Wendung aus André Bretons „Nadja“. Aber schon nach den ersten Seiten machen sich Zweifel an diesem Versprechen geltend, und dem arm chair traveller, um dem französischen Thema zum Trotz eine britische Wendung zu benutzen, werden die Füße schwer.

Das Buch besteht aus drei Teilen, und der erste, weitaus umfangreichste heißt „Rundwege“. Das ist wörtlich zu nehmen. So wörtlich, dass dieser Teil eigentlich nur in Paris gelesen und verstanden werden kann. Der gebürtige Pariser Hazan, ausgebildeter Chirurg und praktizierender Verleger, ist vernarrt in die Topographie seiner Stadt und liebt es, seine Leser über die Rues, Avenues und Boulevards durch die Quartiers und Faubourgs seiner Heimatstadt zu schleppen, immer eine Erläuterung auf den Lippen, stets zu einem Scherz bereit, aber so übereifrig, als wäre er ein nach gelaufenen Metern bezahlter Touristenführer.

Wie kommt man vom Jardin du Luxembourg nach Saint-Germain-des-Près? „Ich für meinen Teil nehme immer die dritte Straße, die Rue Garancière, nicht wegen des kleinen Brunnens der Pfalzgräfin und auch nicht wegen des Widders am Portal des Hotel de Sourdéac und der Erinnerung an das Verlagshaus Plon-Nourrit, sondern um noch einmal am Chor von Saint-Sulpice den bleiernen Pelikan auf der großen Zwiebelhaube der Himmelfahrtskapelle zu grüßen...“ Sind Sie noch da? Denn so geht der Satz noch ein Weilchen so weiter.

Zum Glück gibt es noch den zweiten und dritten Teil des Buches. Sie heißen „Das rote Paris“ und „Im wimmelnden Gemälde von Paris“. Hier wird es interessant. Hier werden nicht nur die alten Geschichten erzählt von Baudelaire bis Benjamin, sondern auch Bemerkungen gemacht, die auf schreckhafte Leser „ketzerisch“ wirken könnten. Vermutlich haben sie in Frankreich „für Furore gesorgt“ haben, wie der Schweizer Verlag annonciert. Da ist zum Beispiel dieser merkwürdige Zusammenhang zwischen Kollaboration und guter Gegend. Je besser die Gegend, desto besser die „Zusammenarbeit“ mit den deutschen Besatzern. So wahnsinnig zum Wundern ist das zwar nicht, aber das Pariser Establishment hört so etwas trotzdem nicht gern.

Oder die Einschätzung der Revolution von 1848: Im Juni dieses Jahres fand der fundamentale Bruch in der Geschichte des republikanischen Frankreich seit 1789 statt. Er bedeutete „das Ende der Illusion, die seit der Restaurationszeit allen inneren Kämpfen zugrunde gelegen hatte, dass nämlich die Bourgeoisie und das Volk Hand in Hand zu Ende bringen würden, was man 1789 begonnen hatte.“ Wer diesen Satz ernst nimmt, geht keinen Schritt vergebens, aber womöglich einen zu weit. Er bedeutet nämlich, dass die große Idee einer allen gemeinsamen Republik nichts als eine Lüge ist.

Genau diese Konsequenz zieht Eric Hazan und spricht ein Drohung aus, die sich inzwischen, das französische Original erschien ja schon 2002, als Prophezeiung erwiesen hat: „All diejenigen, die sich darüber freuen, dass die Stadt heute so ruhig ist, eingebettet in ein Bergsonsches Kontinuum der Zeit, der Herrschaft und der Langeweile, könnten sich eines Tages noch sehr wundern.“

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Barrikaden von den Zuzüglern gebaut, von den Franzosen, die vom Land in die Stadt gekommen waren, um dort nach einem besseren Leben zu suchen. Auch heute revoltieren die Einwanderer, die Franzosen gewordenen Algerier zum Beispiel, denen die politische Freiheiten unter die Nase gehalten und gleichzeitig die sozialen Chancen unter den Füssen weggezogen werden. Hazan: „All diejenigen, die denken, in Paris sei das Spiel schon vorbei, die darauf verweisen, in einem Museum habe man nicht mit Explosionen zu rechnen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Fassade dieser alten republikanischen ,Kaserne’ aufzupolieren, sollten noch einmal in sich gehen. Denn im Lauf der Jahrhunderte wurden die Vertreter von Ruhe und Ordnung immer wieder von den Veränderungen dieses Parameters überrascht: der Sprengkraft von Paris.“ So aufrührerisch endet dieses als harmloser Spaziergang seinen Ausgang nehmende Buch, das in diesem Monat auf Platz eins der Sachbuch-Empfehlungsliste steht.

Eric Hazan: Die Erfindung von Paris. Kein Schritt ist vergebens. Aus dem Französischen von Michael Müller und Karin Uttendörfer. Ammann Verlag, Zürich 2006. 631 Seiten, 39,90 €.

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