Kultur : Die Stadt, die niemals schläft

Jörg Königsdorf

enttarnt ein gut verstecktes Orchester Wollten Sie schon immer wissen, was Musiker lesen, wenn sie gerade mal nicht in ihre Noten schauen? Seit dieser Woche wissen wir’s: Im „Spiegel“ outen sich die Berliner Philharmoniker als Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hinter ihren FAZ-Exemplaren verschanzt, sitzt die anonymisierte Schar auf dem dezent angeleuchteten Philharmonie-Podium, vorne Sir Simon, erkennbar an seiner silbernen Wuschelmähne, die über den Rand des aufgeschlagenen Blattes hinausquillt. Auf den Philharmoniker-Chef ist vermutlich auch der Kampagnen-Slogan „Dahinter steckt ein kluger Kopf“ gemünzt. Denn soeben wurde bekannt gegeben, dass die Philharmoniker im Jahr 2007 ein „Orchestra in Residence“-Projekt der New Yorker Carnegie Hall eröffnen und ihre Stellung in den USA erheblich festigen werden. Nun ist das Leih-Orchester-Business an sich nichts Neues – das DSO spielte zuletzt in dieser Funktion im neuen Dortmunder Konzerthaus. Neu ist jedoch, dass nicht nur ein paar Konzertprogramme exportiert werden, sondern die ganze Bandbreite der Orchesteraktivitäten. Auch New Yorker Problemkids werden also in absehbarer Zeit an Strawinskys „Sacre“ die Kraft des „Rhythm“ erleben.

Wie fast alle amerikanischen Orchester sollen die Philharmoniker überdies auch in der ganzen Stadt, in Kirchen, Schulen und Gemeindezentren tätig werden. Vielleicht kommen diese Erfahrungen ja anschließend auch Berlin zugute, zumal der Senat inzwischen seinem Edelorchester auch die Jugendarbeit ins Anforderungsprofil geschrieben hat. Vorderhand bleibt die Präsenz der Philharmoniker in ihrer Heimatstadt allerdings auf die Philharmonie konzentriert, und auch das nächste Konzert findet noch nicht in Neukölln oder Marzahn, sondern in den gewohnten Heiligen Hallen statt: Für sein Philharmoniker-Debüt hat Marc Albrecht ein buntes Programm zusammengestellt, das von Hummels Trompetenkonzert über Ligetis „Atmosphéres“ bis zu Schumanns etwas aus dem jahreszeitlichen Rahmen fallender „Frühlingssinfonie“ reicht (22. u. 23.12.). Ach, ja, und die FAZ können sich die Philharmoniker dann ja nach New York nachschicken lassen.

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