Kultur : Die Stille nach dem Zuschuss

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Frederik Hanssen über

einen Motor der Berliner Klassikszene

Was haben ein VW Golf und die Berliner Symphoniker gemeinsam? Beides sind Erfolgsmodelle, beide halten sich seit Jahrzehnten auf dem Markt, beide werden von ihrem Stammpublikum geliebt. Darum kommen vom Golf auch immer neue Modelle heraus. Weil in der Wirtschaft Verkaufsschlager kontinuierlich weiterentwickelt werden, technisch verfeinert und mit neuen Extras ausgestattet. Logisch, man will ja attraktiv halten, was von der Kundschaft nachgefragt wird.

Die Berliner Symphoniker dagegen sollen vom Senat abgewickelt werden. Obwohl sie unbestritten der Volkswagen unter den Orchestern der Hauptstadt sind, obwohl sie konstant gute Auslastungszahlen vorweisen können, extrem kostenbewusst arbeiten und alle Sparauflagen der Kulturverwaltung stets gewissenhaft erfüllten. 1966 aus dem Zusammenschluss von zwei städtischen Orchestern entstanden, waren die Berliner Symphoniker über Dekaden die Einzigen, die sich intensiv um musikalische „Randgruppen“ jenseits des klassischen Abo-Publikums kümmerten: Mit ihren Instrumenten gehen sie in die Grundschulen, um die Kleinsten für Klassik zu begeistern, für Familien gibt es moderierte Konzerte und für ältere Menschen, die gern vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sind, eine Reihe am Sonntagnachmittag. Außerdem stehen die Symphoniker den Absolventen der Dirigierklassen der Musikhochschulen sowie den Tonmeistern zur Verfügung. Und sie musizieren oft und gerne mit Berliner Laienchören.

Trotzdem soll Ende 2004 die Förderung eingestellt werden. Aus dem schlichten wie erschreckenden Grund, dass die Symphoniker als eingetragener Verein organisiert sind. Das heißt, die Musiker sind nicht direkt beim Staat angestellt und profitieren darum auch nicht vom hervorragenden Kündigungsschutz, den die Deutsche Orchestervereinigung für ihre Mitglieder erkämpft hat. Wenn der Trägerverein den staatlichen Zuschuss in Höhe von 3,3 Millionen Euro aber nicht mehr bekommt, bedeutet das automatisch das Verstummen des Klangkörpers. Wirtschaftlich spart das kaum etwas, weil ja Saalmieten und Steuern der Musiker entfallen. Doch jeder Senator schaut eben nur auf seinen Etat. Eigentlich, so argumentieren manche Politiker, brauche Berlin die Symphoniker ja auch gar nicht mehr. Schließlich kümmern sich mittlerweile alle Orchester der Stadt mit eigenen Jugendprojekten um den Nachwuchs. Folgt man dieser Logik, kann Berlin gleich die Komische Oper mit abwickeln. Schließlich sind auch in der tiefsten Provinz die Ideen des Komische-Oper-Gründers Walter Felsenstein Allgemeingut – dass im Musiktheater Gesang und Schauspiel gleichberechtigt sein sollten.

Wenn der Senat in den nächsten Tagen den Doppelhaushalt verabschiedet, entscheiden die Abgeordneten, ob die Berliner Symphoniker tatsächlich für ihre Pionierarbeit bestraft werden sollen. Ein fatales Signal für die deutsche Kulturszene, wenn ausgerechnet diejenigen dran glauben müssen, die sich flexibel und innovativ gezeigt haben. Eigentlich sollte auch in der Kunst die alte Autobauer-Weisheit gelten: Nur wer sich bewegt, überlebt.

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