Kultur : Die Strumpfhose

PETER HERBSTREUTH

Es gibt einen harten Kern von Männern, die dem Erfinder der Nylon-Strumpfhose die Pest an den Hals wünschen.Sie werden sich nie damit abfinden, daß jenes - offenbar bequeme - Kleidungsstück für Frauen jeden Alters von keiner Mode zum Verschwinden gebracht wird.Solche Männer überfällt unwillkürlich Mißvergnügen, wenn sie die riesigen Ornamente sehen, die Carin Ellberg aus braunen Nylonstrumpfhosen mit tropfendem Kleister zusammengeklebt hat."Ich will, daß es abstoßend aussieht und man sich gleichzeitig hingezogen fühlt", sagt sie auf die Frage, ob sie es nicht selbst ein wenig eklig findet, was sie da an der Wand zusammengekleistert hat.

Damit trifft sie die Wirkung recht genau.Aus der Ferne sehen die Kreise, Spriralen und Kristalle neutral im Material und interessant als Erscheinung aus.Doch je näher man kommt und je deutlicher man die Binnenstruktur erkennt, desto verdrießlicher wirken sie.Die Flecken des Kleisters sind daran nicht unbeteiligt.Womit nichts anders gesagt sein soll, als daß Carin Ellbergs Wunsch, die Ornamente in abstoßender Anziehung zu halten, relativ zum jeweiligen Betrachter in Erfüllung geht.Denn es kommt darauf an, mit welchen Vorurteilen und Ressentiments ein Mann oder eine Frau sich den Wandbespannungen nähert.Wer zum harten Kern gehört, hält Abstand.Daß Ellbergs Ornamente jemanden von Ressentiments befreit hätten, ist noch nicht bekannt geworden.

In der Kunst ginge es um das "Wie", nicht um das "Was", sagt man seit über hundert Jahren.Ganz offensichtlich spielt aber das Material nicht nur wegen der assoziativen Möglichkeiten eine Rolle, sondern auch wegen deren Bindung an Erfahrungen, die dem Blick auf Ellbergs Arbeiten vorausgehen und jeden Einzelnen auf andere Weise in Zusammenhänge einschließen, die von Ellbergs Werk unabhängig sind.Damit rechnet sie.

"Beim Anblick der Kleistertropfen denken manche automatisch an Spermaflecken.Warum auch nicht? Das paßt und paßt nicht zu meiner Arbeit.Aber ich mag dieses flexible Material.Die Strumpfhosen lassen sich zu einem Nichts zusammenknüllen und ganz weit dehnen." Ellberg hält sich an die pragmatische Seite.Aber da sie durch ihre Materialverwendung genau jenes unwägbare Feld anpeilt, dem rational nicht beizukommen ist, trifft sie den einzelnen Betrachter unmittelbar.Er stellt unwillkürlich Verknüpfungen her und ist Gefangener seiner eigenen emotionalen Geschichte.Überhaupt: verknüpfen und einschließen."Der Geist" heißt eine Bodenarbeit, die vier Strumpfhosen zu einer spinnbeinigen Figur verknüpft und in einer Kleisterpfütze wie einen Käfer in Bernstein einschließt.Es sieht aus wie hingekippt und gerade geschehen: ein geplanter Unfall.

In ihrem Atelier liegen stapelweise Schachteln von Feinstrumpfhosen.An der Wand lehnt eine Reihe gemalter Selbstportraits.Die mache sie nebenbei, sagt sie.Es sind mittlerweile über tausend Portraits in demselben Format und demselben Ausschnitt von Schulterhöhe aufwärts.Jedes ist anders.Die wolle sie in Berlin aber nicht zeigen, sagt die 1959 in Stockholm geborene Künstlerin.Die habe sie im Norden gezeigt.Die Wand- und Bodenarbeiten mit den Strumpfhosen seien problematischer.Man käme nicht so schnell zurecht damit.Deshalb werde sie sie in Berlin vorstellen."Sie suggerieren eine zweite Haut und schließen ein, woran Männer immer denken," sagt sie."Ach ja!? Und woran denkt Frau Ellberg immer, wenn sie denkt, woran Männer immer denken?," fragt der Besucher."Es geht um das Begehren und um das richtige Verhältnis dazu," sagt sie.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2; bis 31.Mai, Mi bis So, 14-18 Uhr.

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