Kultur : Die Südkurve rockt

Bis zum letzten Ton: Die Toten Hosen stürmen die Berliner O2-Arena

Nadine Lange
245845_3_xio-fcmsimage-20081218202344-006001-494aa340b50dc.heprodimagesfotos86120081219davids_toten-hosen-o2-11.jpeg
Steh auf, wenn du am Boden bist. Ober-Tote-Hose Campino beim Luftspagat. Foto: Davids

In Düsseldorf Fußballfan zu sein, ist nur etwas für die ganz Harten. Seit Ewigkeiten dümpelt die Fortuna nun schon in der dritten und vierten Liga herum. Parallel zum Niedergang des Clubs in den Achtzigern machten sich fünf glühende Fortuna-Verehrer daran, eine Art Ausgleich für die Misere der Kicker zu schaffen. Der Verein stieg ab, sie stiegen zu Rockstars auf. Statt zur Fortuna konnte die Jugend jetzt zu den Toten Hosen gehen. Denn die als Punkrock-Kapelle gestartete Band verwandelte sich in ein Unternehmen, das wie ein Fußballverein funktioniert. Das Produkt heißt Rock für die Südkurve. Alle können mitmachen. Grölen, Klatschen, Biertrinken – genau wie im Stadion.

Oder wie in der ausverkauften O2-Are– na, wo zum Aufwärmen schon mal ein paar Fankurven-Hits laufen: „7th Nation Army“ und natürlich „You’ll Never Walk Alone“. Das Licht geht aus, und Joey Ramone schreit „Ey, oh, let’s go“. Tausend Kehlen stimmen ein. Bamm! Die Band erscheint. Ein Champions-League-mäßiges Entrée. Sofort beginnen die Düsseldorfer mit „Strom“, der Single ihres neuen Albums „In aller Stille“. Eine kurze Kombination aus sägenden Riffs, schon steht Stürmer Campino vor dem Tor. Er macht ihn rein: „Und alles steht unter Strooom, vom ersten bis zum letzten Tooon.“

Der drahtige 46-Jährige ist in Topform. Ständig rennt er vom einen zum anderen Ende der Riesenbühne, zeigt seinen irren Spagatsprung und wirbelt den Mikroständer herum. Er ist in seinem Element: der Verkörperung des ehrlichen, authentischen Rocksängers, der für seine Fans bis zum Umfallen ackert. Diese Projektionsfläche hat in 25 Jahren nichts von ihrer Spiegelkraft eingebüßt. Man glaubt Campino, dass er immer der gleiche aufrechte Kerl bleibt, egal ob auf der Bühne oder zu Hause. Das impliziert allerdings auch eine gewisse Beschränktheit. Anders als etwa Die Ärzte, die auch mal aus Frauen-, Vampir-, oder Teenagerperspektive singen, ist bei den Hosen neben der musikalischen auch die textliche Variationsbreite gering: Freundschaft, Liebe, Fußball und Alkohol sind seit jeher die Eckpfeiler von Campinos Texten, wobei sich „In aller Stille“ auffällig oft mit dem Thema Vergänglichkeit befasst. Auf Sauflieder hat die Band diesmal verzichtet.

Im Konzert jedoch lassen die Hosen keine Nachdenklichkeit aufkommen. Sie spielen ihre Hits „Liebeslied“, „Alles aus Liebe“ und „Wünsch Dir was“ sogar direkt hintereinander. Ihren wohl bekanntesten Song „Hier kommt Alex“ zelebrieren sie wie ein souveräner Elfmeterschütze. Vor allem die Klassiker zeigen, worum es bei dieser Band im Kern geht: die großen Mitgröl-Zeilen. Manchmal ist es auch nur ein extatisches „Woooho“ oder „Ole Ole Ole Ola“. Ein wenig unheimlich wird es, als bis unter das Dach der Arena alle „Steh’ auf, wenn du am Boden bist“ schreien und dazu die Arme in die Luft reißen. Das hat etwas Martialisches, fast Hooliganhaftes. Campino würgt diese Stimmung dankenswerterweise sofort ab, indem er nach dem Song um Unterschriften für die „genialen Einrichtungen“ Pro Asyl und Oxfam bittet. Die stets auf ihr linkes Image bedachte Band weiß, was sich gehört, wenn man in einer Liga mit BAP und Herbert Grönemeyer spielt.

Für die drei Zugabenblocks des knapp 140-minütigen Konzerts hat sich die Gruppe einiges einfallen lassen: Eine Akustikversion von „Guns of Brixton“ ihrer Vorbilder The Clash wird von Akkordeon und Cello begleitet. Das Bommerlunder-Lied gibt’s in einer Highspeed-Variante mit Trompeten-Intro von Campino und zum „Bayern“-Song läuft auf den Leinwänden der legendäre 7:1-Sieg der Fortuna über die verhassten Münchner.

Dreißig Jahre ist das Spiel jetzt her. Doch bald wird es wieder erstklassigen Fußball in der Düsseldorfer Arena geben. Bayer Leverkusen baut sein Stadion um und weicht zum Nachbarn aus. Vielleicht schauen die Hosen ja mal vorbei und lassen sich inspirieren. Die Leverkusener könnten eine neue Stadion-Hymne gebrauchen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben