Kultur : Die Sünde klebt

Frederik Hanssen

Diese Liebe geht durch den Magen. Denn echte Liebe war es, die Frank Buecheler und Michael Leimbach die "Venus" in die Arme trieb. Nachdem sie die Kommerz-Shows "Buddy" (in Hamburg) und "Jekyll & Hyde" (Bremen) produziert hatten, wagten sich sich in Berlin an jene Pygmalion-Parodie, die Kurt Weill 1943 im amerikanischen Exil für den Broadway schrieb. Ein Stück, das niemand kennt, von einem Komponisten, der für die meisten nur als Bert Brechts "Dreigroschen"-Partner existiert, als Sozialparabel-Vertoner also. Ein Riesenrisiko auf dem gnadenlos umkämpften Musicalmarkt. Ein Liebesdienst.

"One touch of Venus" ist ein Meisterwerk urbaner Entertainmentkunst. Mit faszinierendem Stilgefühl hat sich der Flüchtling Weill in seine neue Heimat eingehört - und schreibt nun coole Songs, die das New Yorker Lebensgefühl der Zeit elegant in Töne übersetzten. Dazu baut ihm sein Librettist S. J. Perlman, der zuvor schon für die Marx-Brothers gearbeitet hatte, Situationen, die sich hinter Screwball-Plots nicht verstecken müssen: Durch einen unglücklichen Zufall wird eine 3000-Jahre alte Venus-Statue (aus Anatolien!) zum Leben erweckt und verliebt sich in den Spießer Rodney. Der bekommt prompt Ärger mit seiner Verlobten, während der Millionär Whitelaw Savory durch privatdetektivische Hilfe versucht die Göttin, die ihn an eine Verflossene erinnert, in seinen Besitz zu bringen.

Dieses "Venus" ist ein Stück für Diva mit Entourage. Weill wünschte sich Marlene Dietrich für die Uraufführung, leider vergeblich. In Berlin spielt Marianne Rosenberg die Liebesgöttin so, wie es wohl auch die Dietrich gemacht hätte: Rosenberg singt Rosenberg, mit dieser unverwechselbaren Stimme, die ihre Fans lieben, zuvorkommend begleitet von Heinz Adrian Schweers und seinem kleinen Orchester. Sie sieht toll aus: Das Wallehaar glitzert, edle Stoffe umfließen die Superweibformen und das Makeup lässt Drag-Queen vor Neid erblassen. Rosenbergs Nummern sind die Highlights des Abends, denn sie weiß, wie man mit Tönen Bilder in die Zuhörerköpfe zaubert. Dass sich ihre Venus nicht gerade geschmeidig durch die Szenen bewegt, nimmt keiner der gerade erst entsteinerten Schauspiel-Debütantin übel.

Ein tolles Stück, ein genialer Komponist, ein echter Star: Was wollen Liebhaber der klassischen musical comedy mehr? Der Kritiker ist fest zum Amusement entschlossen - und windet sich an diesem endlosen Abend doch mit Bauchschmerzen auf seinem Sitz. Denn das, was da rund um Marianne Rosenberg im extra für diese "Venus" hochgezogenen Theaterzelt auf dem Schlossplatz abläuft, ist - mit Verlaub - Schmierentheater der übelsten Art. Nichts, aber auch gar nichts ist von der geistreichen Leichtigkeit des Originallibrettos übrig geblieben. Kalauergetränkt holpern die vom Regisseur Jan Oberndorf zusammengezimmerten Dialoge über Stock und Stein, in den lyrics, die Marianne Enzensberger und Frau Rosenberg gemeinsam zu verantworten haben, reimt sich "Rasen" auf "Ekstase" und "Manöver" auf "Fehler". Unterboten wird das Textniveau nur noch von der Hilflosigkeit der Inszenierung. Die Charakterprofile der Figuren sind noch flacher als ihre Witze, obwohl unablässig gegackert und gekichert, gebrüllt, spitz aufgeschrien und wild herumgehampelt wird, schleppen sich die Szenen müde voran. Von Timing keine Spur, ebensowenig von Ironie. Selbst in den raren Momenten, wo so etwas wie tuntiges Trash-Theater aufscheint, nehmen sich die Menschen auf der Bühne in ihrer amateurhaften Albernheit total ernst. Eine vertane Chance, eine schwere Prüfung für den Fan des Genres: Die Liebe rotiert im Magen, das Herz blutet.

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