Kultur : Die Terrorisierung der Fantasie

Malte Lehming

Auschwitz hat als Moralkeule ausgedient. Jedenfalls in Amerika. Der neue Maßstab für das Böse ist der Terror. Eine kleine, signifikante Anekdote illustriert den Metaphernwandel. In wenigen Tagen wird im Jüdischen Museum in New York eine Ausstellung über moderne Holocaust-Kunst eröffnet. Schon seit Wochen hagelt es Proteste. Drei Exponate werden besonders moniert. Eines davon heißt "Lego Concentration Camp Set". Die Installation zeigt ein Konzentrationslager aus Lego-Steinen.

Das sei geschmacklos, sagen die Kritiker der Ausstellung. Bislang genügte das Wort "Auschwitz", um das Verbot einer Trivialisierung des Holocaust zu begründen. Doch jetzt muss offenbar ein stärkerer Vergleich her. Welches Bild ist stärker als Auschwitz? In den USA ist die Antwort klar: der Terrorismus. Man stelle sich nur vor, schreibt die "New York Times", statt eines "Lego Concentration Camp Set" hätte ein Künstler ein "Lego Terror Set" entworfen, mit den vier Flugzeugen vom 11. September, dem World Trade Center und dem Pentagon. "Kein Museum würde so etwas zeigen!"

Auch sechs Monate nach den Anschlägen haftet dem 11. September etwas Sakrales an. Die sonst üblichen Formen der kulturellen Distanz - Ironie, Satire, Sarkasmus - werden bei der Beschäftigung mit diesem Datum tunlichst vermieden. Im Mutterland der Spaßgesellschaft kursiert nicht ein einziger Witz über den 11. September. Vielleicht ist es zu früh. Vor drei Tagen erst wurden in den Trümmern des World Trade Centers wieder zwei Leichen identifiziert. Psychologen rechnen mit einer neuen Welle posttraumatischer Erkrankungen. Am gefährlichsten, sagen die Experten, sei die Zeit zwischen dem Halbjahres- und dem Jahresjubiläum. Es gibt Berichte, dass Angehörige von Opfern sich das Leben genommen haben.

Die Kulturschaffenden scheinen wie erstarrt. Das große Werk über den Terror fehlt bislang. Was Pablo Picasso mit "Guernica" gelang, Bertolt Brecht mit "Mutter Courage" und Paul Celan mit seiner "Todesfuge", nämlich ein historisches Ereignis in einem meisterlichen Opus zu verewigen, wird von amerikanischen Künstlern kaum versucht. Wer immer sich dem Thema anders als mitfühlend oder dokumentarisch nähert, erfährt ablehnende Reaktionen. Eine Video-Collage des Italieners Bertrand Ennio, der das Aufprallen eines der Flugzeuge ins World Trade Center als Endlosschleife zeigt, musste kürzlich wegen Protesten aus einer New Yorker Ausstellung entfernt werden.

Selbst plakative Erbauungs-Kunst hat es schwer. An diesem Montag werden in Manhattan zwei gigantische Lichtkegel in den Nachthimmel strahlen. Sie sollen die New Yorker, von der Dämmerung bis 23 Uhr, an die beiden Türme des World Trade Centers erinnern. Finanziert wird das Projekt unter anderem von der Deutschen Bank. Im Vorfeld gab es ein paar technische Fragen zu klären - werden Flugzeuge oder Vögel gestört? -, aber der Haupteinwand wurde von Angehörigen einiger Opfer erhoben: Die Architektur werde zelebriert, nicht aber der Toten gedacht. Schließlich wurde der Titel geändert. Statt "Towers of Light" heißen die Lichttürme jetzt "Tribute in Light".

Die Darstellungsschwäche der US-Künstler könnte auch eine Folge der Reizüberflutung sein. Denn am 11. September wurde die Vorstellungswelt der Amerikaner nicht gesprengt, sondern durch den Einbruch der Realität konkretisiert. "Das ist wie im Film", hieß es an jenem Tag. War Manhattan in "Independence Day" nicht bereits von Außerirdischen in Schutt und Asche gelegt und in "Artificial Intelligence" überflutet worden? Erinnerte der Fall der Twin Towers nicht an den Start einer Apollo-Rakete? Und hatten in "Die Hard" und "Armaggedon" die Terroristen nicht schon bewiesen, wozu sie in der Lage sind? Sicher werden viele Szenen vom 11. September als Schreckens-Ikonen bleiben, vergleichbar mit dem Bild vom nackten jungen Mädchen, das in Vietnam vor den Napalm-Bomben flieht. Aber kann ein Kunstwerk die Ausdruckskraft dieser Wirklichkeit überhöhen?

Vorläufig dominiert das Unverfängliche, Dokumentarische, Informative. Dutzende von Foto-Alben sind erschienen, Bruce Springsteen singt traurig "My City in Ruins". Religiöse und esoterische Literaten versehen das Sinnlose mit Sinn, Ratgeber mit Titeln wie "Byte Wars: The Impact of September 11 on Information Technology" erobern die Buchhandlungen. Daneben stehen Sachbücher über Osama bin Laden und Al-Qaida sowie politische Aufsatzsammlungen. Herausragend sind vor allem zwei: "How Did This Happen? Terrorism and the New War" (erschienen bei "Public Affairs") und "The Age of Terror: America and the World After September 11" (bei "Basic Books").

Ziemlich genau ein halbes Jahr saß Picasso 1937 an seinem Gemälde "Guernica", mit dem er das Massaker von Francos Truppen in der kleinen baskischen Stadt auf die Leinwand bannte. Picasso hatte von Guernica nur gehört, seine Fantasie beflügelte ihn. Heute verfolgen die Zuschauer ein Ereignis wie den 11. September live. Das verhindert jede spontane Kreativität. In solch spektakulären Fällen nimmt die Geschwindigkeit der kulturellen Verarbeitung eher ab als zu.

Ein Film wie "Casablanca" etwa wurde Anfang der 40er Jahre zügig produziert. Gleich drei Streifen, die sich ebenfalls mit dem Zweiten Weltkrieg befassen, zeigen 1943 Ronald Reagan in Hauptrollen ("The Rear Gunner", "Jap Zero" und "For God and Country"). Dagegen sind die Hollywood-Schnellschüsse, die nach dem 11. September entstanden, enttäuschend flach. Auf CBS lief vor kurzem ein Terroristen-Thriller, in dem ein Osama-bin-Laden-Verschnitt einen Atomsprengsatz in Dallas zünden will. Am Ende triumphiert die Banalität des Guten.

Statt zur Auseinandersetzung zu reizen, hat der Terror zur Vorsicht verführt. Mindestens 45 Filmproduktionen wurden nach den Anschlägen gestrichen, verändert oder verschoben, darunter "Collateral Damage" mit Arnold Schwarzenegger. Das Äußerste, was Hollywood wagt - im Gegensatz zu den beeindruckenden Vietnam-Filmen der 80er Jahre -, ist eine Mischung aus Patriotismus, Rührseligkeit und Propaganda. Die Produzenten Jerry Buckheimer ("Pearl Harbor", "Black Hawk Down") und Bertram van Munster, ein enger Freund von Verteidigungsminister Rumsfeld, planen eine 13-teilige Reality-TV-Serie über die amerikanischen Truppen im Krieg gegen den Terrorismus. Das gesamte Filmmaterial wird vor der Veröffentlichung dem Pentagon vorgelegt. Schließlich geht es nur darum, "die aufregenden persönlichen Geschichten der Männer und Frauen" in Uniform zu erzählen, heißt es in einer Mitteilung des Senders ABC.

CBS arbeitet an einem halb fiktiven, halb dokumentarischen Film über den United-Airlines-Flug 093. Die Maschine war am 11. September von Newark in Richtung San Francisco gestartet. Welches Schicksal den 45 Passagieren droht, war einigen von ihnen über Handy mitgeteilt worden. Ein paar mutige Männer überwältigten die Terroristen. Das Flugzeug stürzte statt aufs Weiße Haus in einem Feld bei Pittsburgh ab. Überlebende gab es nicht. "The Real Story of Flight 93" soll die Geschichte aus der Perspektive der Helfer, Familienangehörigen und Betroffenen nacherzählen. Ein Heldenepos.

Für Fiktives, Verfremdetes oder allzu Realistisches sind die Gemüter noch nicht bereit. Heftigen Streit entfachte der zweistündige Dokumentarfilm "9/11", der heute abend auf CBS zu sehen ist. Darin verarbeiten zwei französische Filmemacher, die am 11. September zufällig als erste am Ort des Geschehns waren, Video-Rohmaterial von Ground Zero. Die Dokumentation, die ohne Werbeunterbrechung gezeigt wird, soll vor allem das Chaos anschaulich machen. Um "9/11" zu verhindern, zogen Angehörige von getöteten Feuerwehrleuten einen Rechtsanwalt zu Rate. Der wies in einem Schreiben an CBS auf die psychischen Gefahren hin, die für seine Klienten von zu großer Authentizität ausgehe, und bat darum, "die Ausstrahlung um ein halbes Jahr zu verschieben".

Die Wahrheit ist zu hart und die Fiktion zu trivial. Das galt nach Auschwitz genauso. Doch die Zeit ist gemein. Sie vergeht.

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