Kultur : Die Theatertigerin

Und immer ganz oben gewesen, keinen Schaden genommen.Die Schauspielerin Lola Müthel, eine Theatertigerin von Gnaden und von Graden, wird heute 80 Jahre alt.Wer ihr begegnet, wird sich des hochachtungsvollen Gedankens, ein Stück lebendiger Theatergeschichte vor sich zu haben, nicht widerstehen können: 63 Jahre Theaterpraxis, über 200 Rollen, und immernoch ansteckend lebendig, neugierig auf morgen.Der schöne, kühne Kopf mit den leicht schrägen Augen, der roten Mähne scheint Leben zu schnuppern, förmlich anzusaugen.Und Leben ist für Lola Müthel Theater.

Der Geburtstag bedeutet für die seit 30 Jahren mit ihrem Mann, dem Schauspieler Hans Caninenberg, in Gräfelfing bei München lebende Schauspielerin Spielpause.Am Münchner Residenztheater (dessen Ensemble sie von 1973 bis 1984 angehörte) tritt sie derzeit in drei Rollen auf.Mit großer Allüre als 1.Schauspieler in "Hamlet", in Brechts "Dreigroschenoper" singt sie wie eine große Erinnerung das Haifischlied, während sie als ewige Mackie-Braut den Vorhang zuzieht.Und am Gärtnerplatz ist sie die Mrs.Higgins.

Lola M.ist die Tochter des Regisseurs Lothar Müthel und der Operettensängerin Marga Reuter.Gustaf Gründgens engagierte die Siebzehnjährige an sein Berliner Staatstheater, und dort wurde sie, bis sie 1944 in die Schweiz ging, was sie ist: die Darstellerin der großen, der starken, der hochdramatischen Frauen des Theaters - Maria Stuart, Lady Macbeth, Elektra, Penthesilea, Medea.Und immer gab Lola Müthel ihren Heldinnen jenen unwiderstehlichen, auch maliziösen Touch Weiblichkeit mit, der den Kothurn unversehens zum Stöckelschuh werden läßt.In Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, bei den Salzburger Festspielen.

Lola Müthel beherrscht die hohe Sprache und Haltung, die großen Gefühle des Siegens und Scheiterns.Ihr schöner Humor, unverhoffte Zugabe für Tragödinnen, läßt sie sagen: "Bürgerliche Frauen sind nichts für mich." Und doch schätzt sie bändigende Regisseure, die ihr zur großen Form auch die einfache Gestaltung abverlangen, am höchsten: Zadek, dessen unvergessene Arkadina ("Möwe") sie in Bochum war, und Ingmar Bergman, mit dem sie in München arbeitete.

Das Singen ist vielleicht ihre heimliche Lust - Musicals und große, lasziv, mit mondäner Erotik vorgetragene Chansons.Lola Müthel sang Deutschlands erste Widerspenstige in "Kiss me Kate" mit Partner Johannes Heesters, 1956 am Münchner Gärtnerplatz.Und ebendort "Hallo Dolly", 1968, inszeniert von Jean-Pierre Ponnelle.

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