Kultur : Die ungehorsame Harfe

Serbiens Kriminelle und Kriegsverbrecher feiern Erfolge als Bestseller-Autoren. Der Markt boomt

Caroline Fetscher

   Mitunter kommt es vor, dass serbische Autoren nicht auf der Belgrader Buchmesse erscheinen, um dort ihr neues Werk zu präsentieren. Der Grund: Sie befinden sich auf der Flucht vor der Staatsanwaltschaft oder Interpol, wenn sie nicht gar in einer Haftanstalt weilen. Im Lauf der Geschichte wanderte schon so mancher wegen rebellischer Schriften ins Gefängnis. Aber hier handelt es sich um eine neues, postmodern anmutendes Phänomen: Die Schriftsteller sind Kriegsverbrecher und mutmaßliche Mörder.

Verleger wie Mihaijlo Vojinovic schätzen das Geschäft mit den Gangstern:Wo immer deren Druckerzeugnisse zu haben sind, klingelt die Kasse. Von einem Roman aus anrüchiger Feder, der pünktlich zu den Festtagen erscheint – das orthodoxe Weihnachten wird Anfang Januar gefeiert – erhofft sich Vojinovic einen „Hit auf dem serbischen Markt, aber auch im Ausland“. Dabei kennt keiner seinen Verlag M-Buks. Aber jeder kennt den Namen seines Autors: Milorad Lukovic-Legija sitzt als mutmaßlicher Mörder Zoran Djindjics im Belgrader Zentralgefängnis. Bis vor anderthalb Jahren befehligte der Legionär die gefürchtete Eliteeinheit der Armee „Rote Berette“. Auch  Popstar wollte er mal werden, färbte sich die Haare orangerot und gelb, womöglich ein Zeichen für seinen Hang zur Avantgarde. Nun, in der Zelle, ist Legija unter die Schriftsteller gegangen.

„Eiserner Schützengraben“ („Gvozdeni rov“) sei ein „klassischer Roman“ mit autobiografischen Spuren, sagt der Verleger. Es handele sich um eine „Kriegserzählung aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien“, die er zunächst in einer Auflage von 100000 Exemplaren herausbringt. Als beherzter Geschäftsmann verteidigt Vojinovic sein Verlagsprogramm: „Wenn in den USA bin Ladens Werke erscheinen dürfen, sehe ich nicht ein, dass  man bei uns Legijas Werk nicht drucken soll.“

Erst unlängst hatte ein anderer „Volksheld“ der nationalistischen Seelenfolklore von sich reden gemacht. Radovan Karadzic, seit neun Jahren auf der Flucht vor dem Den Haager Kriegsverbrechertribunal, verfasst nicht nur Kinderbücher, sondern auch weitschweifige Epen und gewagte Lyrik, die der Karadzic-Exeget Zelidrag Nikcevic „erhaben und prophetisch“ nennt. Als sein Buch „Vom verrückten Speer zum schwarzen Märchen“ 2002 von der Kritik mit gemischten Empfindungen bedacht wurde, erklärte sein damaliger Verleger, Zarko Ruzic: „Karadzic ist ein wichtiger serbischer Poet, der nur durch Zufall in die Politik geriet. Man hat ihn nachgerade dazu gezwungen.“ Eines der frühen Karadzic-Gedichte vermittelt die für Despoten bittere Einsicht: „Die Welt ist eine ungehorsame Harfe.“

Verse wie „Ohne deinen Leib/existiert diese Landschaft absolut nicht“, lesen sich aus der Feder eines wegen Genozid in Bosnien Gesuchten wenig poetisch. Doch diesen Herbst fesselte der ehemalige Präsident der bosnischen Serben die Leser mit dem Bestseller „Wundersame Chroniken der Nacht“. Eine Romanze – serbischer Psychiater lernt seine große Liebe kennen – und dazu die Tragödie eines um 1980 „aus Versehen inhaftierten Mannes“. Vermutlich handelt es sich dabei um jene Geschichte des Radovan K., der zu Titos Zeiten wegen Unterschlagung von Firmengeldern verurteilt worden war. Die ersten 1000 Exemplare der „Chroniken“ waren auf der Belgrader Buchmesse im Nu ausverkauft. Karadzics Verleger Miroslav Toholj glaubt: „Wir hätten 50000 loswerden können.“ Und hofft, dass der Roman „zum Quell der Genugtuung für seinen Autor wird, nach all den falschen Beschuldigungen gegen ihn“.

Auch Mirjana „Mira“ Markovic, Gattin des in Den Haag inhaftierten serbischen Ex-Machthabers Slobodan Milosevic, konnte auf der Messe nicht persönlich erscheinen: Ihr wird Mittäterschaft an der Ermordung Ivan Stambolics vorgeworfen, dem früheren Präsidenten Serbiens, dessen Leiche man 2003 in einer Kalkgrube entdeckte, wenige Wochen nach dem Mord an Premier Djindjic. Seit Jahrzehnten ist die einstige Soziologie-Professorin, die derzeit in Russland oder Weißrussland vermutet wird, serbischen Lesern wegen ihrer nationalistischen Politkitsch-Prosa ein Begriff. So besang sie 1999, nach der Nato-Intervention gegen Milosevics „ethnische Säuberungen“, das serbische Städtchen Pozarevac mit einer Mischung aus Sozialismus-Nostalgie und Courths-Mahler-Schmachtfetzen. Ihre Neuerscheinung mit dem Titel „Behalte dieses Buch“ nimmt sich nüchterner aus, versammelt sie doch zwei Dutzend jüngere Interviews. An der Kraft zum Fabulieren soll es der psychisch als instabil geltenden Autorin derzeit mangeln.       

Legija, Karadzic und Markovic greifen in ihren Werken gern auf Leitmotive  zurück: auf die heroischen Schlachten der „slawischen Serben“ gegen (bluts)fremde Mächte wie Türken, Österreicher, Ungarn. Auch andere nationalistische Schriftsteller haben sie besungen, Dobrica Cosic etwa (der nicht verwandt ist mit Bora Cosic). Dessen Werke sind gesättigt von Serbenblut und Ehrenfragen; sein Roman „Zeit des Todes“ über die legendären Kohleminen von Kolubara begründete einen nationalen Mythos. Cosic hatte auch Teil am so genannten „Memorandum“ der serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste: ein Hetztext, der Milosevic zu seiner Spielart des National-Sozialismus inspirierte.

Der heutige Außenminister von Serbien-Montenegro, Vuk Draskovic, hatte noch vergangene Woche heftig gegen den neuen Roman von Legija protestiert. Aber auch er gehörte einst zu den feurigen, nationalistischen Federn des Landes. In seinem Roman „Noz“ (Das Messer, 1982) entführen bosnische Moslems einen serbischen Jungen, um ihn mit Gewalt zum Islam zu bekehren; Jugoslawiens Moslems werden dabei als „Verräter“ an der slawischen Sache porträtiert und als mehr oder minder sadistische Monstren. Mit den Jahren wandelte sich Draskovic zumindest nach außen zum Demokraten, der eine multiethnische Gesellschaft wünscht.

Betrachtet man den Boom der Gangster-Literaten rein geschäftlich, mangelt es eigentlich nur noch an einem Verleger, der diese Werke seriös unter einem Dach vereint. Ein couragierter Verlag der Federn der Verfemten könnte Titel herausbringen wie Milosevics „Triumph über das Tribunal“ (Bericht eines Augenzeugen,  Scheveningen, 2007) oder „Green Zone“ von Saddam Hussein (Ökologisch-sozialistische Lyrik aus dem besetzten Bagdad. Babylon, 2006). Das Zeug zum Bestseller hätten sie allemal.

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