Kultur : Die Unlogik der Abschreckung

Nordkorea will die Atombombe. Aber warum? Wie sich Staaten, die den Rüstungswettlauf verlieren, unangreifbar machen

Herfried Münkler

Lange Zeit galt als Glaubenssatz, dass die Verfügung über Atomwaffen keine zusätzlichen politischen Optionen eröffne, sondern im Gegenteil die Handlungsspielräume eines Landes eher einenge. Nur weil dieser Satz bei den meisten Regierungen als richtig galt, kam der Atomwaffensperrvertrag zustande. Die Staaten schritten freiwillig zur Unterzeichnung, und sie taten dies in der Gewissheit, dass sie damit nicht nur die kollektive Sicherheit der Erdenbewohner erhöhten, sondern auch die der eigenen Staaten zumindest nicht beeinträchtigten. So paradox es klingen mag: Die bipolare Logik der Abschreckung relativierte die Bedeutung von Atomwaffen.

Länder wie Brasilien, Argentinien oder Südafrika stellten die zuvor gemachten Anstrengungen ein, in den Besitz von Nuklearwaffen zu gelangen. Und andere, wie Kasachstan oder die Ukraine, die durch den Zerfall der Sowjetunion über Nacht zu Atommächten geworden waren, gaben ihre Atomwaffen samt den zugehörigen Trägersystemen ab oder verschrotteten sie. Daneben fielen die Staaten, von denen man wusste, dass sie sich insgeheim in den Besitz von Atomwaffen gebracht hatten, nicht weiter ins Gewicht: Israel ging es um eine Abschreckungskomponente, die seine strategische Abhängigkeit von den USA minderte; Indien erstrebte Atomwaffen, um mit China auf Augenhöhe zu kommen; und dass Pakistan in den Besitz von Atomwaffen kommen wollte, war angesichts seiner geringen strategischen Tiefe und des jahrzehntelangen Konflikts mit Indien nachvollziehbar. All dies widersprach zwar dem Sinn des Atomwaffensperrvertrags, aber es setzte keine Dynamik in Gang, die zu seiner Aushebelung führen würde. Das ist jetzt anders.

Der jüngste Atomwaffentest in Nordkorea demonstriert eindrücklich, dass dieser strategische Waffentypus neuerliche Attraktivität gewonnen hat. Es mag überraschen, aber die Hinwendung von Ländern wie Iran und Nordkorea zur nuklearen Option hängt im Wesentlichen mit Entwicklungen zusammen, die sich außerhalb der Nuklearstrategie abgespielt haben. An erster Stelle ist hier die so genannte Revolution in military affairs zu nennen, die zu grundstürzenden Veränderungen im Gebrauch der konventionellen Streitkräfte geführt hat. Die Elektronisierung des Gefechtsfelds, die als Erstes dazu geführt hatte, dass die den sowjetischen Panzerarmeen zugeschriebene Stoßkraft immer weiter dahinschwand, eröffnete schließlich den Amerikanern als den Protagonisten dieser Entwicklung Möglichkeiten zur militärischen Intervention, die sie vorher nicht besessen hatten. Das wurde im Golfkrieg von 1991 erstmals sichtbar, als es den US-Streitkräften gelang, die irakische Armee, zu dieser Zeit die viert- oder fünftstärkste der Welt, innerhalb kürzester Zeit vernichtend zu schlagen. Damit waren die Karten neu gemischt.

Von nun an mussten Staaten, die ins Visier der USA gerieten, damit rechnen, nicht nur mit Luft-, sondern auch mit Bodenstreitkräften angegriffen zu werden. Das war neu, denn bis dahin konnten sie davon ausgehen, dass die bei Bodengefechten zu erwartenden Verluste so hoch ausfielen, dass die USA von solchen Interventionen absehen würden, wenn nicht absehen müssten, da kein Präsident sie vor dem Kongress vertreten könnte. In Folge der elektronischen Revolution wurden die eigenen Verluste jetzt aber derart minimiert, dass Militärinterventionen, ja sogar konventionelle Staatenkriege wieder führbar wurden. Und zwar nicht mehr bloß in der Karibik und in Mittelamerika, wo sie immer an der Tagesordnung gewesen waren, sondern in globalem Maßstab.

Da es für die meisten Länder, die sich den Titel eines „Schurkenstaates“ verdient hatten, ausgeschlossen war, im Bereich der konventionellen Streitkräfte mit den USA auch nur annähernd gleichzuziehen, wurde die Nuklearoption attraktiver. Durch sie lassen sich die Verluste eines potentiellen Angreifers (in der Regel der USA) derart in die Höhe treiben, dass ein militärischer Zugriff so gut wie ausgeschlossen ist. Genau darauf setzt Nordkorea nun.

Aber was ist eigentlich an einer Entwicklung bedrohlich, die dazu führt, dass einige Staaten faktisch unangreifbar werden? Stimmt der Satz noch, dass einem nuklear bewaffneten Staat durch den Besitz von Atombomben keine zusätzlichen politischen Handlungsspielräume zuwachsen? Offenbar war dessen Richtigkeit in höherem Maß, als dies angenommen wurde, an die machtpolitischen Konstellationen des Ost-West-Gegensatzes gebunden. In einer Situation der wechselseitigen nuklearen Abschreckung gewann man nichts hinzu, wenn man sich, wie im Falle Frankreichs, ebenfalls nuklear bewaffnete. In einer uni- wie multipolaren Welt ist dies anders, wie sich am Beispiel Nordkoreas und des Iran zeigen lässt. Während die Bipolarität nukleare Potenziale neutralisiert, lässt sich nun mit ihnen Macht akkumulieren: Abschreckungsmacht gegenüber den USA, Einflussmacht gegenüber den Nachbarn.

Und nicht nur das: Das der Nuklearmacht in einem regional begrenzten Rahmen zuwachsende Erpressungspotenzial ist um so größer, je geringer die dieser Macht attestierte Rationalität im Sinne eines Kosten-Nutzen-Kalküls ist. Bei einem „wahnsinnigen“ Regime, das im Besitz des Apokalypseinstruments ist, versagen die eingespielten internationalen Deeskalationsmechanismen, wie die aktuelle Entwicklung zeigt. Nordkorea fasst die jüngste UN-Resolution ohne Umschweife als „Kriegserklärung“ auf.

Angesichts dieser Dynamik möchten die potentiellen Opfer nuklearer Erpressungen nicht unbedingt vom nuklearen Schirm der USA abhängig sein. Man ist sich nicht sicher, ob er im Ernstfall aufgespannt sein wird. Also strebt man nach einem eigenen Schirm. Japan erwägt, trotz seiner durch Hiroshima belasteten Geschichte, die atomare Bewaffnung.

Und das ist das wohl Bedrohlichste an den veränderten Konstellationen der Nuklearstrategie: Dass jedes neue Mitglied im Club der Atommächte mehrere weitere Atomwaffenaspiranten nach sich zieht. Mit der Zahl der Atommächte wächst aber das Risiko eines Atomkriegs, weil es keine berechenbaren Strukturen mehr gibt, und auch die Gefahr einer Proliferation an nichtstaatliche Akteure steigt. Vor allem letztere müssen wir fürchten, weil sie jeder Abschreckung entzogen sind. Es gibt also ein vitales Interesse aller übrigen daran, die Anzahl der Atommächte so gering wie möglich zu halten.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und lehrt an der Berliner Humboldt-Universität. Zuletzt ist von ihm das Buch „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft“ (Rowohlt) erschienen.

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