Kultur : Die Uraufführung von Pavlovs Stück in Magdeburg - eine Art Geisterbeschwörung

Hartmut Krug

Ganz aufgeregt und begeistert drängeln sich die Menschen, denn es geht um die Rebellion. Jeder versucht, sich an die Spitze der Wartereihe zu schummeln. Vergeblich: Es ist fünf Minuten zu früh. Zeit für die Rebellion aber ist immer nur Sonntag um 5 Uhr 30. Also muss man warten, um sich ordnungsgemäß mit dem Codewort Alfons beim Oberalfons anmelden zu können. Dann aber ist die Begeisterung groß: Man schmettert seinen revolutionären Elan mit der Melodie des europaweit bekannten Volksliedes "Bruder Jakob" heraus und lässt sich vom trillerpfeifenbewehrten Oberalfons die Ordnungsregeln einer ritualisierten Rebellion vorschreiben.

Konstantin Pavlov zeigt uns mit seinem bereits 1968 geschriebenen Stück eine Art Geisterbeschwörung aus dem Inneren der Diktatur. Der Magdeburger Bühnenbildner Toto hat in den von seinen Stuhlreihen befreiten Zuschauerraum eine mit Schaumstoffmatten ausgelegte Spielfläche gebaut. Das Publikum sitzt an beiden Längsseiten und schaut in diese wattierte schwarze Zelle, in der die unterschiedlich gelb gekleideten Menschen wie skurrile Gartenzwerge herumlaufen und ihre kleinen Lustbefriedigungen unter der Aufsicht eines zwergenhaften Oberalfons zu finden suchen.

Die Magdeburger Inszenierung der "Rebellion am Sonntag" ist eine Novität eigener Art: Die ersten beiden Vorstellungen dieser deutschsprachigen Uraufführung fanden Anfang Oktober (mit wenigen bulgarischen Sätzen) in Plovdiv und Sofia statt. Das Novum, ein Unikum: Die Uraufführung eines bulgarischen Stückes in Bulgarien als zugleich dessen deutschsprachige Erstaufführung. "Rebellion am Sonntag" schildert die deformierenden Auswirkungen eines diktatorischen Systems auf die Menschen mit Mitteln des absurden Theaters. Da gibt es eine Kuh-Frau und einen Satan, ein verwaistes Greislein und drei alte Männlein, die zwei sind, und eine Symbol-Frau, die in Gestalt der amerikanischen Freiheitsstatue durch den Raum und die Träume der Figuren eilt. Diese Träume drehen sich meist um eine unterdrückte Individualität, die sich gegen ein vorgegebenes Gruppendenken und Gruppenverhalten zu behaupten sucht. Ein Sportler will exakt 20 Sekunden über 100 Meter laufen, bekommt aber von der Gesellschaft eine andere Vorgabe. Eine Beleidigte wehrt sich immer wieder vergeblich gegen Vergewaltigungen, auch das Abknallen der weißen oder schwarzen Männer hilft nicht. Drei alte Männlein, die längst nur noch zwei sind, erkennen den Oberalfons als Befehlenden an, obwohl der als böser Wolf in Großmuttergestalt daherkommt. Glücklich jubeln sie: Schön ist ein Aufstand, wenn die Macht dich versteht und zum Partner dir wird ...

Pavlov zeigt in vielen kleinen absurden Szenen, wie die Menschen sich nicht lösen können von der Absurdität des Systems, wie es sie bis in ihre Träume und ihre Ausbruchsversuche hinein prägt. Ihr Ausweichversuch aus der ritualisierten Welt der Diktatur hinein in eine eigene Welt voll individueller Gegensymbolik funktioniert nur mit den verinnerlichten Ritualen. Der Oberalfons stellt die Triebabfuhrgenehmigung aus, und die Menschen wirken wie angestellt zum erlaubten individuellen Rausch. Immer wieder will das Greislein geprügelt werden, vergeblich phantasiert sich die Kuhfrau ein Änderungssystem, umsonst erdenkt sich der Satan eine Gegenwelt: Sie alle bleiben im Inneren der Diktatur mit allen ihren Lebensäußerungen eben dieser verhaftet.

Wolf Bunge inszeniert an den Freien Kammerspielen Magdeburg mit eher zurückhaltender, stiller Komik. Doch der Text von Pavlov ist allein nicht (mehr) stark genug, er bräuchte kräftigere spielerische Unterstützung. Weil ihm die versagt bleibt, weil sich die vielen ausgedachten Situationen der Figuren in ihren Strukturen und Konsequenzen deutlich ähneln, trägt die Spannung der Zuschauer nicht über den ganzen, nur anderthalb Stunden langen Abend. Der Magdeburger Aufführung fehlen für das alte Stück neue Schärfe und Aggressivität, so wirkt es putzig bis müde verspielt. Dennoch: Der Autor Konstantin Pavlov sollte unbedingt noch von andren deutschen Bühnen entdeckt werden.

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