Kultur : Die verschollene Generation Ausstellung verfemter Kunst im Ephraim-Palais

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Der Sieger. Gemälde von Georg Netzband vom Mai 1939. Foto: VG Bildkunst 2013
Der Sieger. Gemälde von Georg Netzband vom Mai 1939. Foto: VG Bildkunst 2013

Sie wurden zum Schweigen gebracht, ehe sie ihre eigene Sprache finden konnten. Mit der Aktion „Entartete Kunst“ tilgten die Nationalsozialisten eine ganze Generation von Künstlern aus der Geschichtsschreibung. Die Ausstellung „Verfemt, verfolgt – vergessen?“ im Ephraim-Palais dokumentiert das Verschwinden der Nachfolgegeneration, die an die Moderne anknüpfte. Sie zeigt die gebrochenen Biografien, die verpassten Chancen, die Zerstörung ganzer Lebenswerke.

Dabei hatten die Künstler, die um die Jahrhundertwende geboren wurden, zunächst das Glück, den Ersten Weltkrieg überlebt zu haben. Viele ihrer Vorbilder, die Expressionisten, die Maler von „Brücke“ und „Blauer Reiter“, waren traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt wie Otto Dix oder Ernst Ludwig Kirchner, andere waren gefallen, wie August Macke, oder Franz Marc. Die „zweite Generation der Moderne“ knüpfte an den fulminanten Aufbruch zu Beginn des Jahrhunderts an, verwendete futuristische oder kubistische Formen oder die Sprache der Neuen Sachlichkeit. Doch während ihre Vorgänger sich schon einen Namen hatten machen können, blieb die „zweite Moderne“ in ihren Anfängen stecken.

Valentin Nagel zum Beispiel studierte zwischen 1925 und 1928 bei Hans Hofmann in München. Das farbenfrohe Porträt eines italienischen Offiziers von 1928/32 zerfällt kubistisch, folgt aber in seiner samtenen Anmutung der Neuen Sachlichkeit. Als der ehemalige Oberstudienrat und Kunstantiquar Gerhard Schneider 1983 Werke aus dem Nachlass von Valentin Nagel angeboten bekam, fiel ihm die Qualität der Malerei auf. Überrascht stellte er fest, dass Nagel vollständig in Vergessenheit geraten war. Damit begann seine systematische Recherche nach den Künstlern, die von den Nationalsozialisten als „entartet“ diffamiert worden waren. Er wolle „die Vielfalt in den Blick rücken,“ so der Sammler aus Olpe. Die Ausstellung seiner Werke demonstriert, dass die Verfolgung weit über die bekannten Namen hinausging.

Rund 1600 Künstler standen auf den Listen der Nazis, etwa 20 000 Arbeiten wurden konfisziert. Die Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ reiste nach dem Auftakt in München und einer zweiten Hetzschau 1938 im Berliner Haus der Kunst durch das ganze Land. Ein Teil der ausgestellten Werke wurde später als „verwertbar“ an die Kunsthändler Böhmer, Buchholz, Moeller und Gurlitt zum Verkauf weitergereicht. Heute lassen die vier Namen die Provenienzforscher aufhorchen.

Es lohnt sich, die einzelnen Lebensläufe zu lesen, um verstehen zu können, wie die Avantgarde von der Bildfläche verschwand. Die Künstler erhielten Berufsverbot, wurden aus dem Lehramt gedrängt, deportiert, interniert, sie flohen und mussten ihre Kunst zurücklassen. Im Krieg schließlich wurden ihre Ateliers ausgebombt.

Selbst unter schwierigen Bedingungen entstanden subversive Botschaften. „Der Sieger“ von Georg Netzband zum Beispiel, da steht der Tod in Uniform auf einem Leichenberg. Am lila Horizont ragt die Ruine des Berliner Funkturms auf. Netzband hate seine Untergangsversion im Mai 1939 geschaffen, im Garten, denn er hatte Malverbot. Im Haus hätte ihn der Farbgeruch verraten. Das Bild vergrub er in einer Blechkiste und barg es erst nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft.

Als einer der wenigen in dieser Ausstellung tritt Eduard Bargheer auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Erscheinung. Er gehörte zur Hamburgischen Sezession, die sich nach 1933 weigerte, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen und sich stattdessen selbst auflöste. Am Ende verzechte die Gruppe das Vereinsvermögen. Die Nazis beschlagnahmten zwölf Arbeiten von Bargheer. 1955 aber wurden seine Bilder bei der ersten Documenta gezeigt. Da hatte sich die internationale Kunst allerdings längst weiter bewegt. In Deutschland war die einst breit aufgestellte Avantgarde in der Diktatur erstickt. Simone Reber

Ephraim-Palais, Poststr. 16, bis 28. Juli;

Di – So 10 – 18 Uhr, Mi 12 – 20 Uhr.

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