Kultur : Die verspielte Mitte

Volker Hesse[das sind schwere Zeiten für das]

Volker Hesse (57), seit 2001 Chef des Gorki Theaters, leitete zuvor das kleine Zürcher Neumarkt-Theater: ein Modell für schlanke, großstädtische Produktionen, das mehrmals zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Volker Hesse, das sind schwere Zeiten für das Gorki: Nach Schließungsgerüchten hat Ihnen Kultursenator Thomas Flierl eine Bestandsgarantie gegeben, aber nur für zwei Jahre - während Ihr Intendantenvertrag bis 2006 läuft. Das schafft nicht gerade Vertrauen. Wie arbeitet ein Theater in dieser Situation?

Wir sehnen uns danach, über Kunst nachzudenken, Stücke zu lesen, mit kreativen Menschen zu arbeiten. Sie können sich nicht vorstellen, welche Energie solche Existenzängste kosten. Und die Lage ist nun auch nicht so, dass man sagen kann - es ist alles gut! Ich weiß nach wie vor nicht, wie Herr Flierl bis 19. März die geforderten Einsparungen von 22 Millionen Euro erbringen will.

Gut, reden wir von Kunst, soweit das in diesem kulturpolitisch umkämpften Berlin überhaupt möglich ist. Sie sind vor einem halben Jahr hier neu angetreten - wie erleben Sie jetzt die Stadt, wie sehen Sie Ihren Start am Gorki Theater?

Unser Start war überschattet vom 11. September. Produktionen, die sich an der Aktualität reiben sollten, wurden von einer rasant veränderten Stimmungslage geprägt. Theresia Walsers "Die Heldin von Potsdam" kam am 14. September heraus; um unser Haus tobten Demonstrationen - für die poetische Sprache von Walser und die eigenwillige politische Geschichte des Stücks hatte man damals schier keine Aufnahmefähigkeit mehr. Inzwischen hat sich das etwas gebessert. Generell musste man bei Produktionen umdenken, die auf das politische Umfeld der Hauptstadt Bezug nehmen sollten. Fantasien und Planungen, die in heiter verspielter Unternehmungslust entwickelt worden waren, mussten verändert werden. Es waren mehr die archaischen Stoffe, die Klassiker, die den schrecklichen Ereignissen etwas entgegenzusetzen vermochten. Es brauchte mehr Kraft, als ich dachte, um mit der depressiven Unruhe in der Stadt zurechtzukommen.

Das klingt ernüchtert, wenn nicht betrübt.

Gott sei Dank gibt es aber auch viele gelungene Abende mit Kraft und Ausstrahlung. "Merkels Brüder" ist ein kluger, witziger Ensemble-Abend über Machtkampfphänomene, "Koppstoff" (nach Zaimoglu) ein erhellendes, sinnliches Studio-Unternehmen über das deutsch-türkische Berlin, "Moskau - Petuschki" eine bewegende Studie über Intellektualität und Alkohol, "Cash" ein extrem erfolgreicher Komödienabend usw.. Es gibt viele lebendige, glücklich machende Erfahrungen in diesem Haus.

Sie sprechen häufiger von der "kleinen Form", die Ihnen vorschwebt. Kann es sein, dass das Berliner Klima ganz im Gegenteil nach dem Lauten, Großformatigen, auch Groben verlangt. Sind Sie zu leise?

Meine Natur neigt nicht zum Knalligen. Ich liebe einen Satz von Lessing: "Man kann auch lachend sehr ernsthaft sein." Ich suche im Theater nach Formen der Verführung, die mit Wärme und Sinnlichkeit und Verspieltheit zu tun haben. Ich finde es wichtig, nicht nur für das Theater, sondern für die Gesellschaft überhaupt, dass man so altmodische Tugenden wie Sprachdifferenzierung, Stille, wie eine komplexe Sensibilität in prekären Situationen aufrecht erhält. Ein Theater, das mit greller Zap-Energie oder Zerschlagungstechnik arbeitet, strebe ich nicht an. Heiner Müller hat mal gesagt: "Theater ist Steinzeit", und das finde ich sinnvoll. So wollen wir im nächsten Jahr etwas so Schwieriges wie das "Gastmahl" von Platon versuchen.

Wollten Sie sich nicht verstärkt um lebende Autoren kümmern?

Das kann man verbinden. Ich versuche, ein Theater zu machen, das die vielen verrückten Berliner Geschichten und Biografien sensibel erzählt. Das Gorki wird dazu Berliner Autoren heranziehen. Julia Franck schreibt ein Stück über ihre Erfahrungen als DDR-Bürgerin in einem westdeutschen Lager. Mit Urs Widmer und Thomas Hürlimann wollen wir die erfolgreiche Zürcher Zusammenarbeit fortsetzen. Im Mai haben wir eine Moritz Rinke-Premiere.

Bernd Wilms, Ihr Vorgänger, hatte hier großen Erfolg mit Stars wie Harald Juhnke, Ben Becker, Katharina Thalbach. Sie haben einen radikalen Wechsel vollzogen. Ist das für Sie ein Problem - bleibt das Publikum aus?

Der Erfolg von Herrn Wilms hatte damit zu tun, dass ein bestimmtes Publikum in bestimmte Star-Aufführungen ging. Das war keine Stammszene. Die instabile Publikumssituation ist ein Grundproblem des Gorki Theaters. Es gibt ein altes Ost-Publikum, das sich mit diesem Haus verbunden fühlt. Ich wende mich auch an eine intelligente, bewegliche, gut gebildete Szene - Studenten, Intellektuelle, Menschen, die neu in Berlin sind. Da ist noch ein komplizierter Aufbauprozess in viele Richtungen zu vollziehen.

Die Lage des Gorki Theaters ist einmalig: zentraler als zwischen Humboldt-Universität, Zeughaus, Staatsoper und Neuer Wache geht es nicht. Was machen Sie daraus?

Am Abend ist es in unserer Gegend aber auch sehr still. Wir liegen nicht an der Oranienburger Straße. Es herrscht hier eine gewisse museale Stimmung. Man muss schon selbst eine Anziehungsenergie entfalten. Wir träumen davon, eine südländische Verspieltheit anzuschlagen, mit der wir uns von anderen Theatern unterscheiden. Die Stimmung der Schaubühne ist eine bittere, und die Volksbühne hat noch einmal einen ganz anderen Ton. Ich hoffe, dass wir zunehmend einen Zuschauerstamm binden können, der hier ein Heimatgefühl hat. Großstadt braucht kulturelle Stammkneipen.

In Zukunft wird es in den Verteilungskämpfen noch schärfer als bisher um die Profile der einzelnen Theater gehen? Was zeichnet das Gorki Theater aus?

Wir haben hier eine besondere Mischung von Schauspielern, intelligente, witzige Persönlichkeiten. An einem kleinen Haus lässt sich ein Ensemblegefühl viel besser erreichen. Dies allein - eine bestimmte Schauspielerkonstellation und Ensemblekultur - macht ein Theater doch schon unverwechselbar.

Für Berliner Verhältnisse sind Sie ein untypischer Theaterchef. Sie bleiben leise auch in der Krise, und Sie jammern nicht.

Meiner Natur gemäß versuche ich immer, das Positive zu stärken. Die immer neuen Finanz- und Strukturklagen sind für das Klima am Theater überhaupt nicht förderlich.

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