Kultur : Die verstörte Stadt

Ines Geipels Buch „Für heute reicht’s“ über den Amoklauf empört ganz Erfurt und die Kritiker

Uwe Soukup

Es ist ein schmales Buch. Doch es ist im Begriff, eine Stadt zu verändern. In jedem Fall beendet es die Ruhe, nach der sie sich so gesehnt hat, es lässt die Normalität, von der man annahm, sie sei fast schon wiederhergestellt, in weite Ferne rücken. Die Reaktionen auf Ines Geipels Buch „Für heute reicht’s – Amok in Erfurt“ (Verlag Rowohlt Berlin, 16,90 €) gehen weit auseinander bei den Kritikern und in der Stadt, die vor nunmehr bald zwei Jahren aus fast kleinstädtischer Idylle in die Schlagzeilen der Weltpresse katapultiert wurde. Dass die Wunden niemals verheilen würden, wenn man keine Ruhe gibt, beklagen die einen. Dass schonungslose Aufklärung erst eine Verarbeitung denkbar werden lässt, bewegt die anderen. Letztere begrüßen das Buch, schon wegen dieses Effektes. Dass beide Grundhaltungen bei einer Lesung vergangenen Mittwoch in Erfurt aufeinanderstoßen werden, war absehbar.

Man könnte die Aufregung ja verstehen, handelte es sich bei dem umstrittenen Buch um eine sensationsheischende Anklage. Davon aber kann nicht die Rede sein. Die Berliner Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ kategorisiert das Ergebnis einjähriger Recherche zutreffend als „literarisches Sachbuch“. Um den Leser an die Orte der Tragödie zu führen, bedient sie sich einer fiktiven Figur – Elsa –, die sie aus einigen Studenten der Schauspielschule, die am Gutenberg-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hatten, synthetisiert hat.

Dieser Kunstgriff der Autorin erscheint den meisten Kritikern – nicht ganz zu unrecht – als Schwachpunkt des Buches. Ines Geipel wird unterstellt, sich hinter der Kunstfigur zu verstecken, wenn sie, wie in ihrem Buch geschehen, Elsa von Drogenkonsum, Cliquenkämpfen, Essensschlachten in der Schulmensa und anderen hässlichen Szenen aus dem Alltag der Gutenbergschule erzählen lässt. Mehrmals wird die Autorin bei der Lesung aufgefordert, ihre Informanten zu benennen. Wieso habe sie aus Akten der Staatsanwaltschaft zitieren können? Quellenschutz. Warum fehlt die im Inhaltsverzeichnis verzeichnete Danksagung? Sie habe unmittelbar vor der Bindung des Buches herausgenommen werden müssen, erklärt Frau Geipel. Nicht wenige ihrer Gesprächspartner wollten plötzlich nicht mehr mit dem Buch und der Autorin in Verbindung gebracht werden. Wie man hört, werden etliche Mitarbeiter in Erfurter Ministerien, die ursprünglich auf dieser Seite genannt worden sind, unter Druck gesetzt.

Alle Bemühungen, die Diskussion über die Tragödie am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zu verhindern, waren am Ende erfolglos. „Natürlich sind wir bereit zur Diskussion, aber nicht in dieser Form. Auf Wiedersehen!“ Dies war das einige Tage zuvor in der Klassensprecherversammlung der Gutenbergschule verabredete Signal zum Aufbruch. Hunderte Schüler und einige Lehrer versuchten daraufhin, die hoffnungslos überfüllte Kaufmanns-Kirche durch den einzigen Ausgang zu verlassen. Die Veranstaltung schien zu Ende, bevor die Diskussion richtig angefangen hatte. Doch die bisher stehen mussten, eroberten die nun frei gewordenen Plätze; der Plan, die verhasste Autorin mit ihrem Buch allein zu lassen, schlug fehl.

Mehr noch als die Frage nach den nicht genannten Quellen erregt sich ein nicht kleiner Teil des Publikums – die Gutenbergschüler hatten die Kirche bereits eine Stunde vor Beginn der Lesung „besetzt“ – über die angebliche Pietätlosigkeit und den vermeintlichen Voyeurismus des Buches. Fast jede der betont sachlichen Ausführungen der Autorin wird mit höhnischem Gelächter und aggressiven Zwischenrufen quittiert. Ihr werden Lügen, Unglaubwürdigkeit, Anmaßung und Respektlosigkeit vorgeworfen. Die Anklage gipfelt in dem Ausruf: „Nehmen Sie Ihr Buch und verschwinden Sie aus Erfurt!“ Man kann sich nur schwer des Eindrucks erwehren, dass ein nicht kleiner Teil der Stadt für sich die Deutungshoheit über die Tragödie beansprucht.

Wenn es stimmt, was die Autorin berichtet, dass die Schule zwei Tage vor dem Attentat eine Warnung erhalten hat – hätte dann nicht doch etwas unternommen werden können, um das Massaker zu verhindern? Hätten nicht einige der Opfer gerettet werden können, wenn der Polizeieinsatz nicht von so unerklärlicher Lähmung befallen gewesen wäre? Schmerzende Fragen, die nun wieder im Raum stehen.

Draußen vor der Tür macht sich eine besonnenere Stimmung breit. Vielleicht sei es besser, wenn die „Wunde Gutenberg“ nie verheile. Ein Gutes, so hört man, habe das Buch in jedem Fall: Dass die Ermittlungen noch einmal aufgenommen werden und der unsägliche „Vorläufige Abschlussbericht“ des früheren Innenministers Christian Köckert vom Sommer 2002 nicht als das letzte Wort in die Geschichte eingeht.

Das Buch hat bei allen Schwächen erreicht, das Erfurter Schweigen, das Raunen und Spekulieren zu beenden. Man wird noch einmal jeden Stein umdrehen müssen in der Stadt, deren Name ein Synonym für die furchtbarste Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik geworden ist. Möglich, dass dieser Abend, entgegen dem ersten Anschein, ein erster Schritt dazu war. Zu wünschen wäre es der Stadt – und dem Land.

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