Kultur : Die Visionäre von einst haben ihre Zukunftsgläubigkeit verloren

Christoph Amend

Ihr Blick war der Zukunft zugewandt. Die Band Kraftwerk wurde vor über dreißig Jahren gegründet, in Zeiten, als manche glaubten, die Menschen würden all ihre Probleme lösen, wenn sie nur die Technologien weiter entwickelten. "Wir sind die Roboter", sagte die Computerstimme von Kraftwerk und schwärmte von einer Energie namens "Radioaktivität". Es klang wie ein Versprechen: Vorsprung durch Technik. Ihr werdet sehen, Utopia liegt gleich um die Ecke; wo Tschernobyl liegt, wusste noch niemand. Pop 2000, dachten Kritiker in den siebziger und frühen achtziger Jahren, wird wohl wie Kraftwerk klingen.

Am kommenden Montag erscheint "Expo 2000" (EMI Music), das erste veröffentlichte Lied der Band seit 1986. Ein Auszug daraus - der vier Sekunden lange Jingle zur Weltausstellung, die im nächsten Sommer in Hannover stattfindet - war schon vor einigen Monaten zu hören. Damals wurde bekannt, dass die Band sich die Auftragsarbeit mit 400 000 Mark hat bezahlen lassen. 100 000 Mark pro Sekunde. Die Frage tauchte auf, ob vier Sekunden so viel Geld wert sein können. Der Vorwurf ist so nicht mehr zu halten: Vier Versionen sind auf der CD zu hören, Gesamtspielzeit 23 Minuten, macht nur noch knapp 290 Mark in der Sekunde. Das, liebe Expo, ist natürlich ein Schnäppchen, vergleichsweise gesehen.

Wie "Expo 2000", das ganze Lied, klingt? Nun ja, wie Kraftwerk. Electro-Rhythmus, schöne Syntheziser-Flächen, ein Basslauf, ein paar Echo-Effekte, und die unverwechselbare Computer-Stimme sagt abwechselnd in Deutsch, Englisch und Französisch: "Expo 2000 / Mensch, Natur, Technik / Das 21. Jahrhundert / Planet der Visionen". Das Jahr 2000 erreichen wir nun bald, und der Einfluss der Band ist tatsächlich überall zu hören. Das amerikanische Magazin "Entertainment Weekly" zählt Kraftwerk neben dem Regisseur Werner Herzog als einzige Deutsche zu den "100 größten Entertainern der letzten 50 Jahre". Und von HipHop bis Techno: Kein Pop-Genre, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten erfunden wurde, ist ohne Kraftwerk-Zitate vorstellbar. Vielleicht wirkt "Expo 2000" deshalb gleichermaßen auf der Höhe seiner Zeit und wie ein Rückblick: Der Sound hat sich durchgesetzt, wird weiter entwickelt - und klingt im Original doch immer nach 1981. Es ist trotzdem ein beeindruckendes Lied, weil es nichts mehr von der Zukunfts-Gläubigkeit früherer Platten hat. Die Computer-Stimme zögert sogar, bevor sie das Wort "2000" ausspricht. Vielleicht ist selbst den Menschmaschinen Kraftwerk plötzlich ein bisschen bange. Und vielleicht fürchten die Visionäre von einst, den Anschluss an die nächste Zukunft zu verpassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben