Kultur : Die Wahrheit ist das beste Bild

Robert Capa war der Kriegsfotograf schlechthin. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist jetzt sein Frühwerk zu entdecken

Kai Müller

Er war ein Star, die Lichtgestalt einer Fotografen-Generation, die mittendrin sein wollte, auch wenn es gefährlich wurde. „The Greatest War Photographer of the World“ nannte ihn die „Picture Post“, da war er gerade erst 25 geworden. Für ein gutes Bild setzte er sein Leben aufs Spiel und sagte: „Wenn es kein gutes Bild ist, dann bist du nicht nahe genug dran gewesen.“ Noch heute, ein halbes Jahrhundert nach seinem frühen Tod 1954 in Indochina, gilt Robert Capa, der leidenschaftliche Pokerspieler und Steinbeck-Gefährte und Hemingway-Freund, als Kriegsfotograf schlechthin.

Eine eigene Ausstellung hat er zu Lebzeiten nicht bekommen. Alles, was Capas Zeitgenossen von ihm wussten, hatten sie in Illustrierten wie „Life Magazine“, „Vu“, „Regards“ oder „Match“gesehen. Das genügte ihm. Capa sah sich nicht als Künstler, der ein Werk schuf, sondern als Journalist. Von den Kriegsfotografen der Gegenwart, die in ihm ein Vorbild sehen, unterscheidet ihn denn auch, dass er seine Fotos nie zu großformatigen Panoramen aufblies. Der Magnum-Gründer dachte in Geschichten, die nicht gegen ihre ursprüngliche Intention inszeniert werden sollten. Wie ein Text, der unlesbar wird, wenn jeder Satz für die Ewigkeit geschrieben ist, baute Capa seine Bilderserien als Erzählung auf. Zuweilen sticht eine Aufnahme aus den übrigen heraus, weil sie wie eine Allegorie wirkt. Aber den Krieg ästhetisch zu überhöhen, hat Capa nie interessiert.

Trotzdem ist eines seiner Bilder zur Ikone geworden. Das Foto vom „fallenden Soldaten“, das Capa 1936 im spanischen Bürgerkrieg aufnahm, hält den Augenblick fest, in dem ein Loyalist tödlich getroffen von den Beinen gerissen wird. Das weltberühmte Bild ist nun auch im Martin-Gropius-Bau zu sehen in einer etwas irreführend mit „Retrospektive“ überschriebenen Ausstellung. Nicht, dass sie nicht umfangreich genug dafür wäre: 300 Fotos aus allen Schaffensphasen des rastlosen Chronisten sind zu sehen. Ursprünglich hatte die von der Bibliothèque Nationale de France konzipierte Schau „Connu et inconnu“ geheißen – bekannt und unbekannt. Denn die von Capa-Biograph Richard Whelan mitbetreute Zusammenstellung greift erstmals im großen Stil auf seine frühen Arbeiten etwa zur Tour de France zurück, um Capas Reportagetätigkeit durch 200 originale Vintage Prints zu dokumentieren. Dabei handelt es sich überwiegend um Pressematerial. Die Abzüge sind rückwärtig von Capa selbst (oder seinen Mitarbeitern) beschriftet, sie sind nachretuschiert oder beschnitten worden. Sie tragen also die Spuren von Redaktionsräumen und Pinnnadeln.

Ein paar Aufnahmen wurden erst 1980 entdeckt von einem älteren Herren, der zufällig in Capas frühere Pariser Wohnung eingezogen war. Als er in den Wänden herumkratzte, kamen Negative und Abzüge von dessen China-Reise 1938 zum Vorschein. Es zeugt von einer gewissen Ironie, dass Bilder, die erst durch ihren Abdruck gesellschaftliches Gewicht entfalteten, nun eine zweite Existenz als Kunstwerke führen. Wie tief nämlich die Kluft zwischen ästhetischer Ambition und journalistischen Konventionen war, zeigt Capas Reportage über die Pilger von Lisieux (1934/35). Sie wurde nie gedruckt. Niemand schien sich für die Nahaufnahmen zu interessieren, mit denen der Berufsanfänger Capa das Ereignis aus dessen Mitte heraus eingefangen hatte.

Noch ein anderes Motiv, das in Capas Lebenswerk immer wieder auftaucht, klingt hier schon an: die Prozession, der Marsch, die in Bewegung geratene Menschenmenge, in die er sich hineinbegibt, ohne ein Teil von ihr zu werden. Capa war ein Nomade wider Willen, der von der politischen Radikalisierung Europas entwurzelt wurde. 1913 als Endre Ernö Friedmann in Budapest geboren, ging „Bandi“, wie der Sohn einer jüdischen Schneiderfamilie gerufen wurde, mit 17 Jahren ins Exil. Er schrieb sich in Berlin für ein Journalistikstudium ein. Doch bald schon zwang ihn die wirtschaftliche Lage seiner Eltern, selbst Geld zu verdienen. Er fand einen Job als Botenjunge bei der Dephot, einer Berliner Fotoagentur, die ihn auch als Laborant zu beschäftigen versuchte. Aber sein Talent, Filme in der Dunkelkammer zu zerstören, war zu stark ausgeprägt. So drückte man ihm eine Kamera in die Hand und schickte ihn nach Kopenhagen, wo er eine Rede von Trotzki fotografieren sollte. Das war der Durchbruch. Binnen weniger Jahre wurde er so berühmt, dass sein Name sogar auf den Titelseiten der Magazine erwähnt wurde („photos extraordinaires de Capa“)

Capas Weltbild wurde von der Erfahrung des sich ausbreitenden Faschismus geprägt. Als ungarischer Jude mit Sympathien für die Linke beeilte er sich nachHitlers Machtergreifung, fortzukommen. In Frankreich, seiner neuen Heimat, konnte er gar nicht genug kriegen von den in die Höhe gereckten Fäusten der Volksfrontanhänger, unter die er sich mischte.

Dass zu viel Nähe für einen Beobachter auch zum Problem werden kann, erfuhr Capa im spanischen Bürgerkrieg. Er fühlte sich mitschuldig am Tod jenes Soldaten, der an der Cordoba-Front ein so gutes Motiv abgegeben hatte. Trotzdem war Capa meist vorne dabei: bei der ersten Landungswelle der Alliierten in der Normandie, beim Absprung der US-Fallschirmjäger in Wesel. Trotz Tod und Verwüstung vermied er, den Krieg als obszönes Schauspiel zu sehen. Er assoziierte ihn vielmehr durch den erstarrten, fassungslosen Blick der Opfer, die Angehörige beweinen oder in den Trümmern ihrer Häuser stehen.

Konnte er nicht genug bekommen? Als Capa 1954 gebeten wird, nach Indochina zu reisen, rät ihm ein Freund ab: „Das ist nicht unser Krieg.“ Aber chronische Geldnot und die Tatsache, dass er in Korea nicht gewesen war, lassen ihn doch nach Vietnam aufbrechen, wo er am 25. Mai auf eine Mine tritt. Die US-Regierung bietet Capas Mutter an, ihren Sohn auf dem Heldenfriedhof in Arlington zu bestatten. „Das können sie vergessen“, erwidert sie empört, „mein Sohn hasste den Krieg.“

Martin-Gropius-Bau, 22. Januar bis 18. April, Mi–Mo 10–18 Uhr, Katalog: 19,90 €.

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