Kultur : Die Ware Freundschaft

KATJA LANGE-MÜLLER

Ein sowjetischer Leutnant, Wladimir Dawydowitsch Grinberg, und Stefan Heym, der 1933 aus Deutschland in die Tschechoslowakei und zwei Jahre später in die USA emigrierte, lernen einander unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer improvisierten Party in Wien kennen.Sie sind sich auf Anhieb sympathisch und "fraternisieren" bald miteinander, nicht nur weil sie beide jüdischer Herkunft sind, nicht nur weil Grinberg in Österreich den Zeitungen, die für die einheimische Bevölkerung herausgegeben werden, die Direktiven der russischen Befreier übermittelt und somit in einer Funktion arbeitet, die der Heyms bei den amerikanischen Besatzern in Westdeutschland ähnelt, nicht nur weil sie zusammen die von "Wolodja" besorgte Wurst essen und den von "Stjepan" organisierten Scotch trinken, nicht nur weil sich Heym zu erkennen gibt als ein Schriftsteller, der in Amerika einen Roman über den Widerstand der Prager gegen die Nazis geschrieben hat, der, ins Russische übersetzt, von einer Moskauer literarischen Zeitschrift gedruckt wurde, nicht nur weil sich auf diese Eröffnung hin bei Grinberg "jenes Ehrfurchtssyndrom zeigt, das sich in dem intensiven Wunsche äußert, dem verehrten Autor das Thema für sein nächstes Buch aufzudrängen, frei und gratis selbstverständlich".

Wie für gegenseitige spontane Zuneigung symptomatisch, so ist auch die zwischen Grinberg und Heym eine Art Amalgam aus allen möglichen, auch widersprüchlichen, beschreibbaren und unbeschreiblichen Substanzen.Frech, zumindest auf riskante Weise unbekümmert, spricht Grinberg von Typen wie seinem Genossen Oberst, einem Durák, einem Idioten und Drückeberger, und der Partei, "deren faule Frucht sie sind".Spricht er so, weil er ihm spontan vertraut, diesem deutschen Amerikaner, der, wie er selbst, ein "Jid ist, ein schlauer"? Gefällt Heym, den schon verwundert, daß "der Leutnant Grinberg so spricht von der Partei des großen Stalin", gerade diese Frechheit und dieses Vertrauen? Die Frage ist müßig, rhetorisch ohnehin, denn die Nähe, die an diesem Abend in Wien entsteht, wird, der Leser ahnt es nach den ersten Seiten, trotz größter räumlicher und zeitlicher Entfernungen zwei Menschenleben lang halten.Und schon bin ich bei dem, was für mich der Kern dieses lebensklugen, bitteren und komischen, nur scheinbar historischen Romans ist, nämlich die Freundschaft, derer die Menschen ebenso bedürfen wie der Liebe, ja die für einige gar die Liebe in den Schatten stellt.

Möglicherweise zu Recht, denn ist sie, die gute alte Freundschaft, nicht selbstloser als die große ewige Liebe, weniger chemisch, also begreiflicher, und ihrem Wesen nach viel evolutionärer? Nun ist Stefan Heym in seinem neuen Roman "Pargfrider" (C.Bertelsmann Verlag.München 1998.220 Seiten.34,90 Mark) durchaus nicht so plump, die Freundschaft einfach emphatisch abzufeiern, er stellt sie keinesfalls bloß lauter und edel dar.

Das Prinzip Freundschaft basiert bei Heym schon auf gemeinsamen Interessen, dem Einander-Benutzen, und ist gerade deshalb, und hierin der Liebe wohl wirklich überlegen, niemals einseitig.Aus der Ware Freundschaft kann unter Umständen wahre Freundschaft werden.So etwas mit Worten plausibel zu machen, ist nicht leicht.

Eingerahmt in die Freundschaft zwischen Grinberg, dem - zunächst verhinderten - "Lieferanten" eines literarischen Stoffes, und Heym, dem Autor, der diesen Stoff schließlich doch bekommt und "verarbeitet", sind die Aufzeichnungen des Stofflieferanten der k.u.k.Armee Josef Pargfrider über dessen "gekaufte" Freundschaft zu zweien seiner - nur bezüglich des Stoffgewerbes indirekten - "Kunden", dem berühmten Feldmarschall Radetzky und dem Feldmarschall von Wimpffen.

Wie nun sind Pargfriders Schriften an den Leutnant Grinberg geraten? Gemeinsam mit seinem Durák Oberst Petruschkin und einem ganzen Bataillon nebst gepanzerten Fahrzeugen erstürmt Grinberg in den letzten Kriegstagen unweit von Wien, bei Klein-Wetzdorf, einen Hügel, auf dem sich eine Art Tempel befindet.

Die Militärposten in buntgescheckten Phantasieuniformen, die das seltsame Bauwerk bewachen, entpuppen sich als "mannshohe Spielzeugsoldaten, die irgendein österreichischer Potemkin irgendwann dort aufgestellt hatte, aus kriegerischer Laune oder einfach zur Dekoration".Grinberg und sein Oberst erkunden das Grabgewölbe des Heldenbergs, entdecken die Sarkophage Radetzkys und von Wimpffens, und schließlich, auf einem "thronsesselähnlichen Möbel, ...darin lehnend und ohne jedes Namensschild einen Geharnischten, die Hände gekrallt um den Knauf eines Ritterschwerts, das man ihm senkrecht zwischen die Knie geklemmt hat, nur daß er merkwürdigerweise über der Rüstung, von den gepanzerten Schultern bis hinab unter die Beinschienen, einen rotseidenen Schlafrock trägt, unter welchem die gepanzerten Füße hervorlugen".

"Pargfrider?" fragt Heym."Wer sonst", bestätigt Grinberg und erzählt: "Wir sind durch die Alleen des Heldenbergs gefahren, unter Bedeckung, und ich dachte, hier könnte der denkmalslüsterne Genosse Stalin sich noch ein paar Inspirationen holen für seine Monumente; welch schöner Naturalismus war hier praktiziert worden bei den epaulettengeschmückten Torsos mit den aufgeprägten Ordensschärpen - bis hin zu den Spitzen der Schnurrbärte und den beginnenden Glatzen über den Locken -, welch Präzision bei den Inschriften auf den Sockeln der Büsten ..." Schließlich, in Pargfriders Gemächern, während der Durák nur schaut, "was er mitgehen lassen könnte als persönliche Beute", greift sich Grinberg einen schlichten Band und steckt ihn in seine Umhängetasche.Erst später kann er das Titelblatt lesen: "Josef Gottfried Baron von Pargfrider.Seine Gedanken und Aufzeichnungen, 1857-58".

Grinberg verabredet sich mit Heym für den nächsten Tag im Wiener Café Central, aber er kommt nicht und ist verschwunden von diesem Tage an, verschwunden in einem der Stalinschen Gulags in Sibirien, für zehn und dann nochmals zehn Jahre, denn er hatte seinen Oberst Petruschkin "fälschlicherweise für nichts als einen Durák gehalten".

Fast auf den Tag genau fünfzig Jahre nach ihrer ersten Begegnung meldet sich Grinberg telefonisch bei Heym, als der zu einem Vortrag in Wien weilt, und wieder verabreden sie sich im Café Central, und diesmal erscheint auch der alt und krank gewordene Wladimir Dawydowitsch Grinberg, übergibt Heym endlich Pargfriders Aufzeichnungen, die, bei der Kusine versteckt, die ganze Sowjetunion überdauert hatten, und nimmt dafür, weil die Not groß ist und er nach Israel will, widerstrebend fünftausend Dollar an.

Josef Pargfriders Geschichte ist die eines jüdischen Kaufmanns, der keinen Vater hatte, aber vielleicht, sein Name legt es nahe, der Bankert eines Habsburgers war und dessen schöne Mama sehr früh starb.Er lernte beim Onkel den Tuchhandel, stand bald auf eigenen Beinen und wurde, sein Geschick und die Bedürfnisse des Militärs wollten es so, bald der "Napoleon des Zwillichs", aber auch ein Freimaurer.Er war mitnichten bloß ein Krämer, denn er hatte ein sehnsüchtiges Herz und ein großzügiges Wesen; seine Zuneigung und Achtung für von Wimpffen und besonders Radetzky, diese beiden armen Heldenschweine, die für die arrogante Monarchie immer wieder die Kastanien aus dem Feuer holten, doch nichts davon hatten als die Ehre und haufenweise Schulden, war echt, spendabel vor allem.Die einzige Gegenleistung, die Pargfrider je von ihnen erwartet hatte und die sie, als es denn soweit war, auch leicht liefern konnten, das waren ihre irdischen Überreste.Und warum auch nicht? Schließlich hatte Pargfrider ja bloß die Erlaubnis gekauft, die Leichname der beiden teuren Freunde in seiner Heldengruft einzuquartieren, nicht aber deren unsterbliche Seelen, denen er, den Kaiser zu beschämen, ein Denkmal setzen wollte mit diesem protzig-spießigen und auch nicht nur lieb gemeinten Monument zu Klein-Wetzdorf.

Selten ist eine kleinbürgerliche, neureiche Figur wie dieser sachliche und versponnene, demütige und stolze, anständige und doch lächerlicherweise vom Hang zum Erhabenen ganz erfüllte Pargfrider zu derart subtilen literarischen Ehren gekommen.

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