Kultur : Die Weisheit der Wissenslücke

Dem Genie auf der Spur: Daniel Kehlmann und sein neuer Roman „Die Vermessung der Welt“

Marius Meller

Die Literaturwelt liebt Autoren mit krassen Biografien. Die Klappentexte der belletristischen Bücher künden vom gefährlichen Leben des Autors und versprechen so das gefährliche Schreiben, nach dem es den Leser gelüstet. Ein durchschnittlicher Autor hat ein Athlet des Authentischen zu sein: Er hat ein zerrüttetes Elternhaus, eine suizidale Pubertät, Drogenerfahrung, sein Studium abgebrochen, diverse Aushilfsjobs. Mit der Buchproduktion – das suggeriert die Klappentextlogik – findet der schlingernde Lebensfaden seine produktive Mitte. Dass die zwei bislang in die literarische Ewigkeit eingegangenen deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhundert ein biografisch unauffälliger Versicherungsangestellter und ein bürgerlicher Zwangscharakter waren, erträgt die Literaturwelt nur, weil der eine (Kafka) früh an Tuberkulose starb und der andere (Mann) als Familienvater an seiner Homosexualität litt. In unserer als allzu nüchtern empfundenen Moderne ist die Künstlerbiografie das, was früher die Heiligenlegende war. Eine Art Romantik.

Daniel Kehlmann gehört einem neuen Autoren-Typus an, der Schule machen könnte. Der Klappentext seines neuen, in aller Bescheidenheit daherkommenden, großen Romans „Die Vermessung der Welt“: „...wurde 1975 in München geboren und lebt in Wien.“ Nichts weiter. Nur eine Aufzählung der Bücher, die er zuvor veröffentlicht hat: drei Romane, ein Erzählband und eine Novelle. Die Liste ist für einen Autor von dreißig Jahren beeindruckend. Mit 19 schrieb er seinen ersten Roman „Beerholms Vorstellung“, den er beim Wiener Deuticke Verlag veröffentlichte. Mit 23 schloss Kehlmann sein Studium der Germanistik und der Philosophie ab. Nach dem zweiten Buch, dem Erzählband „Unter der Sonne“ (1998), nahm ihn der Suhrkamp Verlag in seine heiligen Hallen auf. Dort publizierte Kehlmann den Roman „Mahlers Zeit“ (1999), die Novelle „Der fernste Ort“ (2001) und der Roman „Ich und Kaminski“ (2003). Sein neuer Roman „Die Vermessung der Welt“, der seit heute im Buchhandel ist, erscheint im Rowohlt Verlag (303 Seiten, 19,90 €). Das sind seine Werke. Seine Arbeit. Sein Leben? Wen geht das etwas an?

„In meinen Büchern hat sich noch nie jemand erkannt“, schrieb Kehlmann 2003 in der „Süddeutschen Zeitung“. Damals spitzten sich die Prozesse um Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst zu, in deren Romanen sich abgelegte Geliebte wiedererkannten und verunglimpft fühlten. Nach Kehlmann zu urteilen ist so etwas schlichtweg schlechtes Handwerk. „Ich schreibe nicht über mich, niemand tut das, das wissen wir alle.“ Aber ohne den erregenden Glamour der Indiskretion, ohne die öffentliche Affäre von Leben und Kunstwerk, ohne das Stuckrad-Barre’sche Kokettieren mit der Rolle als Medienkasper – wie soll man so heute Bücher verkaufen?

Kehlmann hat sich Zeit gelassen. Er sei dankbar, dass er früh veröffentlichen durfte, aber froh, dass es keinen Rummel um ihn gab. In den ersten Rezensionen war zwar vom „Wunderkind“ die Rede, aber meistens wurde mehr die Begabung als die Bücher selbst gelobt. Wenn Kehlmann sagt, er arbeite an einem Werk und nicht an einzelnen Büchern, ist das keine Hybris. Er meint es handwerklich. Er entwickelt seine Themen, seine Motive über viele Bücher, viele Jahre hinweg.

„Ich und Kaminski“, eine fiese Kunstbetriebsgeschichte über einen korrupten Journalisten und einen egozentrischen Künstler auf der Suche nach dem absoluten Werk, war fast schon ein Bestseller, auch weil Marcel Reich-Ranicki das Buch als Gast bei Elke Heidenreich mit Nachdruck empfahl. „Ich und Kaminski“ war auch international ein Erfolg, der neue Roman wurde bereits vor seinem Erscheinen in Deutschland in neun Sprachen übersetzt. Daniel Kehlmann hat geschafft, was man den literarischen Durchbruch nennt – ganz ohne Wunderkind-Allüren, ohne Genie-Tamtam.

Dabei geht es in Kehlmanns Literatur um Genies, um außergewöhnliche Intelligenzen. In „Mahlers Zeit“ meint ein Mathematiker die Weltformel gefunden zu haben, die die Zeit umkehrbar macht, und wird über seiner Entdeckung verrückt. In „Der fernste Ort“ verzweifelt ein Statistiker über der Unberechenbarkeit der Wirklichkeit, und aus seinen quasi-mystischen Erfahrungen findet er vielleicht – die Novelle lässt das offen – zu einer neuen Existenzform. Im neuen Roman behält Kehlmann seinen lakonisch-humoristischen Ton, den er in „Ich und Kaminski“ entwickelt hat, bei und versucht sich in der Gattung des historischen Romans. „Die Vermessung der Welt“ ist ein veritabler großer Wurf – und die Kritik wird sich die früheren Werke, soweit sie altväterlich auf sie reagierte, noch einmal vornehmen müssen. Nicht als Vorstufen des hervorragenden neuen Romans, sondern als Teil eines entstehenden Lebenswerks.

Kehlmann erzählt vom ungemein komischen Zusammentreffen der alternden Genies Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß im Jahre 1828 in Berlin. In verschränkten Rückblenden werden die Lebensgeschichten des Entdeckungsreisenden und des Mathematikers erzählt. Kehlmann wusste beim Schreiben nicht, dass in diesem Frühjahr Hans Magnus Enzensberger mit einer genialen Marketingaktion den Autor des „Kosmos“ durch die Feuilletons hetzen sollte. Wohl aber dachte Kehlmann an das 150. Todesjahr des großen Mathematikers Gauß.

Humboldt kartographiert Mittelamerika, sammelt Pflanzen, untersucht Vulkane, findet den Orinoko-Kanal, besteigt den Chimborazo. Gauß bleibt zu Hause und kartographiert den Geist: Er entwickelt das Eliminationsverfahren, das Fehlerfortpflanzungsgesetz, den Integralsatz, die Lehre von der Krümmung des Raums, das Prinzip des kleinsten Zwanges. Beide sind auf kauzige Weise deutsch – die Lebenskunst bleibt ihnen fremd. Humboldt verdrängt seine Homosexualität, Gauß kommt mit seiner überbordenden Sinnlichkeit nicht zurecht. Humboldts Forscherdrang ist seine Art der Kompensation: Wann immer einen die Dinge erschrecken, sei es eine gute Idee, sie zu messen, sagt er. Auch für den alten Gauß, der das Herzogtum Hannover kartographiert, entsteht erst durch den wissenschaftlichen Begriff Wirklichkeit.

In einer an Thomas Mann und Vladimir Nabokov erinnernden motivischen Genauigkeit erzählt Kehlmann vom Einbruch der exakten Naturwissenschaft in die Aufklärung, die in ihrer idealistischen Spielart lange ein spezifisch deutsches Projekt war. Die Vorzeichen späterer Katastrophen – des Nationalismus, der Totalität des biologistischen Weltbilds in der NS-Ideologie – werden subtil angedeutet. Die Weisheit des alten Gauß ist das Bewusstsein von der Konstruiertheit des Wissens und der transzendenten Offenheit der Wissenslücken. Die Vermessung der Welt ist eine Vermessenheit.

Die Weisheit eines anderen Mathematikers, den Aphorismus Pascals, möchte man angesichts von Kehlmanns früher Meisterschaft denjenigen Jungliteraten ins Stammbuch schreiben, die vor lauter Lebenskunst die Kunst aus den Augen verlieren: Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

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