Kultur : Die Wellenreiter

Eitel, Weischer und Schnell: drei Leipziger Maler in der Berliner Galerie Eigen+Art

Katrin Wittneven

Welche Eigenschaften muss man haben, um ein erfolgreicher Künstler zu werden? Der Titel der aktuellen Ausstellung in der Berliner Galerie Eigen + Art spielt mit der Antwort: „Eitel, Weischer & Schnell“, heißt die Präsentation neuer Bilder von drei Shootingstars aus Leipzig. Dabei reiht der Ausstellungstitel nur die Nachnamen von Tim Eitel, Matthias Weischer und David Schnell aneinander. Alle drei Anfang der Siebzigerjahre geboren, waren sie vor fünf Jahren noch Studenten. Aus Kleinstädten im Westen hatten sie sich gezielt in den Osten aufgemacht, um sich an der Hochschule für Buchkunst und Grafik in Leipzig bei Sighard Gille, Arno Rink und Neo Rauch der Malerei zu widmen. Der Zeitpunkt hätte nicht besser gewählt sein können: Kurz bevor sie ihr Studium abschlossen, nahm nach einem guten Jahrzehnt der Abstinenz der Hunger nach Bildern wieder zu und damit auch die Nachfrage nach einer handwerklich gut gemachten, eigenständigen Bildsprache. So unterschiedliche Maler wie Neo Rauch, Franz Ackermann oder Daniel Richter hoben ab, die junge Generation flog hinterher. Und dass die Gunst der Stunde dem Figürlichen galt, kam den Leipzigern zusätzlich entgegen.

Die drei Jungmaler konnten in diesem Fahrwasser die selbst gegründete Berliner Produzentengalerie Liga schnell wieder verlassen – die Galerie Eigen + Art, die auch Neo Rauch oder Olaf und Carsten Nicolai vertritt, nahm sie ins Programm. Es folgten Auszeichnungen wie der Marion-Ermer-Preis für Tim Eitel oder das Rolex-Stipendium für Matthias Weischer sowie Beteiligungen bei den großen Malereiausstellungen im Frankfurter Kunstverein oder in der Städtischen Kunsthalle Mannheim. Wobei die Institutionen dem Markt hinterherhinkten: Längst wurden auf den Messen in Basel, Berlin und London fünfstellige Summen für die Bilder gezahlt.

Vor allem die unterkühlten Impressionen Tim Eitels trafen einen Nerv: Junge Menschen mit zeitgemäßen Attributen wie Kapuzenjacken oder Umhängetaschen, die Dünen heraufklettern, versonnen auf den Horizont blicken oder in sich gekehrt im Museum die Bilder betrachten. Die Rezensenten ordneten die stillen Bilder stimmungsmäßig irgendwo zwischen Edward Hopper und Alex Katz ein, entdeckten „eine fast Vermeersche Ruhe“ sowie Bezüge zu Mondrian und Caspar David Friedrich. Mit einem Mal waren die sachlich-eleganten Gemälde mit dem hohen Wiedererkennungswert überall zu sehen: Im Juni zierte „Krümmung“, das Bildnis einer jungen Frau mit Pferdeschwanz und Kamera, zeitgleich die Titelbilder der Kunstmagazine „Art“ sowie „Art & Auction“ aus den USA. Gerade durch die Omnipräsenz in den Medien, visuelle Eingängigkeit und die Wiederholung der Sujets setzte schon parallel zum Boom eine Übersättigung ein. Und noch bevor die erste Museumsausstellung realisiert war, fragten auf der Londoner Frieze manche Sammler nach dem nächsten Geheimtipp: „We already have Tim Eitel. What’s new in Berlin?“.

Diesen beschleunigten Markt und ihre eigene Rolle scheinen die Künstler in ihren aktuellen Werken durchaus zu reflektieren: Gleich zum Auftakt der Ausstellung hängt das 2,50 Meter hohe Gemälde „Boot“ von Tim Eitel: Zwei relativ kleine Figuren sind in einem Kanu zu sehen, das im türkisblauen Wasser mehr schwebt als schwimmt. Auf der linken Seite begrenzt das Geschehen eine Art Mauer, deren Silhouette sich im Wasser fortsetzt, auf der rechten Seite befindet sich ein grauer Balken, der ebenso abstraktes Bildelement sein könnte. Im Zentrum aber öffnet sich das Nichts, das gleichzeitig grau-umwölkter Himmel und Leerstelle ist, auf das sich die Paddelnden zu bewegen. Die reduzierten Farben erinnern eher an die düsteren Apokalypsen des deutschen Surrealisten Edgar Ende als an die frischen Pastelltöne aus Eitels früheren Gemälden. In den hinteren Räumen der Galerie geben drei Studien zu dem Bild Auskunft über die Motivfindung, bei der Eitel mit verschiedenen Hintergründen experimentierte: eine Mauer, eine Seelandschaft am Tage und in der Nacht. Entschieden hat er sich für die unheimlichste Variante.

Leerstellen spielen auch im Werk von Matthias Weischer eine Rolle. Immer wieder übermalt er seine kargen Innenräume. Verschiedene Techniken stehen über- und nebeneinander, als thematisiere er immer wieder auch das Malen an sich. Wie sehr diese kargen Interieurs vor allem menschliche Innenräume widerspiegeln, macht das über drei Meter breite Gemälde „Automat“ deutlich: Es zeigt einen Flipperautomaten in einem offenen Hof. Türen und Fenster fehlen, einzig lebendiges Element ist ein einsamer Blumentopf. Unwirtlich erscheinen auch die Landschaften bei David Schnell. Perspektiven geraten wild durcheinander. „Stangen im Mai“, lautet der Titel eines Acrylbildes, bei dem die Welt so aus den Fugen geraten wirkt, dass selbst der Boden zur durchlässigen Holzstruktur geworden ist. Wie bei einem Vexierbild gibt sich der blau-rosa Hintergrund mal als bedrohlicher, mal als verheißungsvoller Himmel oder ein sich weiterfressendes Loch im System.

Trotz ihrer subtilen Bedrohlichkeit finden die Bilder reißenden Absatz: Bereits zur Eröffnung war die Ausstellung ausverkauft. Das liegt nicht zuletzt an der vergleichsweise moderaten Verkaufspolitik (Preise um 28000 Euro) des Galeristen Judy Lybke, mit der er die Karriere seiner Zöglinge behutsam zu befördern sucht. So kann er sich die Sammler aussuchen: Eitels „Boot“ hat Heiner Bastian als Leihgabe für den Hamburger Bahnhof gekauft. Aber der Ausgang der Kanufahrt bleibt dennoch offen.

Galerie Eigen + Art, Auguststraße 26, bis 18. Dezember, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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