Kultur : Die Welt, ein Wohnzimmer

Erinnerung, sprich: Die 38. Hofer Filmtage wenden sich mit Filmen wie „Napola“ der Vergangenheit zu

Christiane Peitz

Die Regisseurin des Kurzfilms „The Last Full Measure“ konnte leider nicht nach Hof kommen, erklärt die Festivalmitarbeiterin. Sie unterstütze ihren Vater gerade bei dem Versuch, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Alexandra Kerrys Filmheldin ist ein neunjähriges Mädchen, dessen Vater aus dem Vietnamkrieg heimkehrt, zitternd, traumatisiert, der Familie entfremdet...

Jedes Jahr im Oktober ist Hof das Wohnzimmer der deutschen Filmszene: ein Wohnzimmer, in dem die ganze Welt zu Hause ist. Sind wir nicht irgendwie alle miteinander verwandt? In der Wirtsstube des Hotels Strauß, gewissermaßen das Sofa im Wohnzimmer Hof, erinnert sich die Oberkellnerin, wie Fassbinder vor 30 Jahren von der Hotelchefin vor die Tür gesetzt wurde, weil er mit Eiern um sich warf, worauf er in ganz Hof kein Zimmer mehr fand. Am Nebentisch erzählt Pablo Stoll aus Uruguay, Regisseur der bereits in Cannes gefeierten Tragikomödie „Whisky“, von seinem deutschen Urgroßvater, der als Bierbrauer nach Montevideo auswanderte. Pepe Danquart ist von seinem letzten Dreh direkt aus China angereist, Ehrengast John McNaughton ist unentwegt vom Regienachwuchs umlagert, und Tom Tykwer gibt im Publikumsgespräch Auskunft über den Stand der Dinge in Sachen „Parfüm“-Verfilmung. Er fühle sich wie der Bundestrainer von einer Million Ko-Trainern umgeben, weil jeder Leser ganz genau wisse, wie Patrick Süskinds Bestseller verfilmt werden müsse. Vor laufenden TV-Kameras spielt er außerdem seine Erinnerung an Werner Herzog vor, der ihm damals, als er bei seinem Hofdebüt mit „Die Tödliche Maria“ hypernervös jeden registrierte, der die Vorstellung verließ („es waren 27“), mit hypnotischer Stimme bedeutete: „Das musst du unbedingt weiter so machen.“

Erinnerung, sprich. Typisch Familientreffen: Man hockt zusammen und vergewissert sich der eigenen Identität anhand der alten Geschichten. Aber wie erzählt man glaubhaft von früher? Wie inszeniert, wie erfindet man Geschichte auf der Leinwand? Eröffnet wurden die Filmtage mit „Napola“, Dennis Gansels Versuch über eins der berüchtigten nationalsozialistischen Elite-Internate, der sich einreiht in den aktuellen Vergangenheitsboom. Der Held: Friedrich Weimer, Arbeitersohn, Amateurboxer und unschuldig verführter Halbwüchsiger, den Max Riemelt mit sympathisch linkischen Gesten spielt. Das Genre: bisschen Boxfilm, bisschen Internatsfilm samt Drill und Jungsfreundschaft und ziemlich viel Melodram. Der Showdown: ein poetischer Winternachtsalbtraum, nach dem Friedrich moralisch geläutert und politisch korrekt dem NS-Terror trotzt.

Junge, Junge: Das Problem von „Mädchen, Mädchen“-Regisseur Gansel ist die Unbedarftheit, mit der er aus der Vergangenheit pädagogisch vermeintlich wertvolle Bilderbuchkonflikte konstruiert. Parsifal in Naziland: Die bösen Erwachsenen terrorisieren blutjunge Zöglinge, mit denen der Zuschauer sich identifiziert, und Deutschland ist ein einig Volk von Opfern. Ähnlich wie bei Eichingers „Untergang“ fehlt eine Haltung, eine auch ästhetische Einstellung, die diese Wahrnehmung der Historie in eine schlüssige Bildsprache übersetzt. Melokitsch – mit entsprechend elegischem Soundtrack – ist jedenfalls keine Lösung. Und die Hofer Filmfamilie hatte Stoff genug, um sich in die Haare zu geraten.

Die meisten jüngeren Spielfilmemacher scheinen derzeit allerdings wild entschlossen, sich zu amüsieren. Wenn es ihnen um die Gegenwart geht, boomt die Komödie. Anno Sauls temporeiche „Kebab Connection“ setzt die Altona-Welle fort: Fatih Akin schrieb das Drehbuch mit, die türkischen Väter sind immer noch streng, aber Sohnemann dreht schrille Kungfu-Werbespots für die Dönerbude, geht als werdender Vater zum Hechelkurs, spielt Romeo und Julia mit der deutschen Freundin, und kein Gag ist zu schrill (oder zu abgegriffen), um in Hof nicht mit Riesengelächter gefeiert zu werden. Gil Mehmerts Sechzigerjahre-Fußball-Comedy „Aus der Tiefe des Raums“ – ein Tippkick-Figürchen verwandelt sich in, ja genau, Günter Netzer – hat wiederum genügend Humorpotenzial für einen Kurzfilm, dauert aber leider 88 Minuten.

Auch bei den ernsteren Sujets überwiegt der Wille zum Schrägen, zum Ausgeflippten. Der Protagonist von Hendrik Hölzemanns „Kammerflimmern“ heißt Crash, arbeitet beim Kölner Rettungsdienst, sein Leben ist eine Katastrophe, und jede Szene bietet einen neuen Zusammenstoß: zwischen Kindheitstrauma, Alltagsstress und Märchenvision, Lebensrettung und Todestrip. Ein Film wie eine Designerdroge, mit nervtötenden Nebenwirkungen. Cyril Tuschis Roadmovie „Sommerhundesöhne“ ist da charmanter: Muttersöhnchen (Fabian Busch) und Draufgänger (Stipe Erceg) reisen als unfreiwillige Gefährten im Wohnmobil nach Marokko. Tuschi nimmt sich liebenswert verrückte erzählerische Freiheiten, verheddert sich aber zu sehr in der eigenen Fantasie. Manchmal kommt einem der Verdacht, dass die um den Nachwuchs so verdienten TV-Redakteure und Fördergremien deshalb gerne hippe Kinoprojekte betreuen, weil sie sich dann selber hip fühlen können: Filmförderung als Verjüngungskur.

Hof, einst Treffpunkt der deutschen Kinoavantgarde, ist kein Ort für Entdeckungen mehr. Die Trends werden hier nicht mehr gemacht, sie kommen hier nur irgendwann an. Kein Wunder also, dass auf diesen 38. Hofer Filmtagen vor allem der Dokumentarfilm von sich reden machte. Erinnerung, sprich: auch hier Familiengeschichten. Sibylle Tiedemann reist auf den Spuren ihres unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommenen geliebten Bruders nach Estland. Im Gepäck die alten Kindervideos und die kriminalistische Frage: War es ein Unfall? Eine Frage, von der sie in der Insellandschaft mit ihrer unspektakulären Schönheit und dem nordischen Jenseitslicht bald abkommt. Denn sie lernt von den Esten die Langsamkeit und Aufmerksamkeit des Blicks und dass wir bei aller Verwandtschaft das Recht haben, einander fremd zu bleiben. In „Estland mon Amour“ ahnt man, was es heißt, mit dem Tod zu leben.

Auch Tamara Wyss unternimmt eine Spurensuche. Nach Sichuan, wo ihre Großeltern vor 90 Jahren über den Jangtse-Fluss nach Chengdu fuhren. „Die chinesischen Schuhe“ vergleicht die Tagebuchnotizen, Fotos und Tonaufnahmen von damals mit dem heutigen China, den Wolkenkratzern und Fachwerkhäusern, die einem gigantischen Staudammprojekt zum Opfer fallen werden. Die Gegenwart des Films wird bald so verschwunden sein wie die Vergangenheit, der Tamara Wyss nachgeht. Auf den Felsen am Rand der trüben Fluten des Jangtse sind noch heute die Kerben zu finden, die die Seile der Treidler vor 90 Jahren eingekerbt haben.

Die Schiffsmotoren stampfen neben tuckernden Ausflugsdampfern und gemächlich dahinziehenden Frachtern. Vielleicht kann man sich nur so ein Bild machen von der Geschichte. Ihr trüber, träger Fluss gibt sein Geheimnis nur dem preis, der sich die Zeit nimmt, sich von ihm tragen zu lassen. Dann sind sie flüchtig zu hören, die Stimmen von früher, so fremd wie vertraut. Das Familientreffen, eine Geisterstunde.

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