Kultur : Die Welt ist ein Übersetzungsproblem

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Eine halbe Stunde vor Tagungsende ist das Leitwort widerlegt. Um die „Toleranz“ ging es bei der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft der Deutschen Bank. Aber ist das nicht ein kleinmütiger Begriff? Sollen wir sagen: Ich toleriere dich als Menschen? Ich toleriere dich als Staatsbürger? Im Grunde ist "Toleranz“ trotz des weltoffenen Klangs ein sehr selbstherrliches Wort. Es kennt nur eine Perspektive: die meine auf einen anderen. Dabei hatte Sir Ben Kingsley diesem im Vergleich zur Liebe so glanzlosen Wort am Abend zuvor einen Platz noch vor der Liebe gesichert. Kingsley las E.M. Forster. Aber der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer ist trotzdem unzufrieden. Die dritte Generation der Türken in Deutschland identifiziert sich noch immer so stark mit ihrem Herkunftsland, dabei tolerieren wir die Türken. Es geht, sagt Heitmeyer, statt um Toleranz um gegenseitige Anerkennungsverhältnisse.

Moderne Gesellschaften würden weder über Werte noch über eine Leitkultur zusammengehalten, sondern allein über Anerkennungsverhältnisse. Großer Beifall in der Deutschen Bank, obwohl Heitmeyer wohl gerade von sehr bankfernen Schichten spricht. Einzelne Weltethiker und Verfassungspatrioten zeigen sich kurz irritiert. Der Fundamentalismus-Experte Bassam Tibi erklärt per Zwischenruf das Projekt der Integration in Deutschland für gescheitert. Doktor Motte von der Love-Parade, mit schwarzer Hornbrille und Facon-Haarschnitt fast ein Oberstudienrat weiß sich bestätigt: Die Welt müsste eine Love Parade sein. Gerade gab es in Mexiko-City eine Love-Parade, in Tel Aviv und Kapstadt sind Liebesmärsche in Vorbereitung. Und in Kabul?, fragt der Moderator die junge Frau neben Dr. Motte. Sie sitzen zusammen, die junge Frau aus Afghanistan und Dr. Motte, aber leben sie wirklich in derselben Welt? Die Kreuzritter und Sultan Saladin hätten noch in ein und dieselbe Welt gehört, sagt Peter Scholl-Latour. In immer neuen Ansätzen umkreist das Kolloquium in der Deutschen Bank den Zustand der Welt zwischen Terror und Love Parade. Eine Welt, die keine Alternative hat zum Miteinander, und in der zugleich nichts so unmöglich ist wie dieses Miteinander.

Das ist der zerreißende Konflikt. Die Deutsche Bank wollte ganz sicher gehen. Sie hat die größten n auf ihre Podien geladen, alle auf einmal. Der Londoner Autor und Journalist Ian Buruma und der Schriftsteller Imre Kertesz sind da, Daniel Cohn-Bendit und Wolfgang Schäuble, die amerikanischen Amerika-Kritiker Barry Steinhardt und Jeffrey Abramson, der Jerusalemer Professor Dan Diner, der italienische Philosoph Gianni Vattimo und Daniel Libeskind, die Pariser Schriftstellerin und Professorin Assia Djebar, Peter Scholl-Latour, Hans Küng und viele andere. Dreiundvierzig große Namen für nicht mal zwei Tage.

Das Unlösbare ist ein Raum-Zeit-Konflikt. Wir leben in einer Welt, aber wir gehören verschiedenen Zeitaltern an. Wie überspringt man Raum-Zeit-Klüfte? Dan Diner sagt, es gibt keinen Weg in die Moderne, als Religion zur Privatsache zu machen. Konfessionalisierung. Aber damit fällt das Prinzip der Religion selbst, das ein dämonisches ist: im Namen des Allerhöchsten eine irdische Herrschaft zu errichten. Damit fallen die Ordnungssysteme ganzer Gesellschaften, bis irgendwann Menschen vom Schlage eines Daniel Cohn-Bendit möglich werden. Sie verbreiten dann Botschaften nicht mehr im höchsten Auftrag, sondern im eigenen: „Ich glaube nicht an den Markt, nicht an Hollywood und nicht an Gott!“ Welcher gläubige Muslim soll Daniel Cohn-Bendit verstehen? Die Welt, das zeigte jede Diskussionsrunde aufs Neue, ist ein Übersetzungsproblem. Dass der Fundamentalismus niemals kriegerisch besiegt werden kann, glauben fast alle. Und dass der Israel-Palästina-Konflikt mehr entscheidet als das Schicksal dieser Region.

Vielleicht ist es mit den Kulturkreisen wie mit dem einzelnen Menschen. Er wird „lter, er muß in immer neue Identitäten umziehen - ins Offene. Man nennt das auch Erwachsenwerden. „With an open mind“ überschrieb die Herrhausen-Gesellschaft ihre Tagung. Aber solche Umzüge können mißlingen.

Vor allem die (wenigen) Frauen auf den Podien erinnerten daran, mit ihrem bloßen Auftreten. Assia Djebar erhielt als erste algerische Frau die Zulassung zur exclusiven Ecole Normale Sup‚rieure in Paris, ihr Land Algerien ist längst zurückgefallen an den Fundamentalismus. Die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John „ußerte den Verdacht, dass es in den Führungsetagen der Deutschen Bank keine Frau mit Kopftuch gibt. Und trotzdem. Gut ausgebildete Menschen aus aller Welt arbeiten an einem gemeinsamen Projekt. Das ist das Prinzip Deutsche Bank. Gelungene innerbetriebliche Globalisierung. Kann die ganze Welt zur Deutschen Bank werden? Kerstin Decker

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