Kultur : Die Welt ist eine ostzonale Scheibe

Im Fadenkreuz der Moderne: Ingrid Kapsamer entwirft ein Porträt von Wieland Wagner

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Die kleine Bombe platzt auf Seite sieben, in Nike Wagners Vorwort. Vom „zweiten Tod“ ihres Vaters Wieland spricht sie da, gewiss nicht zum ersten Mal, und von der „Vernichtung“ seines künstlerischen Erbes durch dessen Bruder, des langjährigen Bayreuther Festspielleiters Wolfgang Wagner. Einen barbarischen Beleg für diese These (und Tatsache) liefert die Sängerin Birgit Nilsson, die sich an das Schicksal von Wieland Wagners Bayreuther „Tristan“-Inszenierung erinnert: Aktweise habe man nach der letzten Vorstellung im Sommer 1970 die Kulissen vor das Festspielhaus getragen und dort angezündet und verbrannt.

Das ausgelöschte Gedächtnis, die sprichwörtliche „Geschichtsvergessenheit“ des Grünen Hügels hätte das beherrschende und zugkräftige Thema sein können in Ingrid Kapsamers großer Wieland-Wagner-Monografie. Ist es aber nicht, und das mit guten, ehrwürdigen Gründen. Kapsamer hält sich bewusst fern von allem, was die Wagner-Dynastie bis heute in die Schlagzeilen bringt, von allen üblichen Spekulationen, jedem wollüstigen Wühlen in den Eingeweiden des fränkischen Atriden-Geschlechts. Wielands (die Kunst durchaus prägende) Liebesbeziehung zur Sopranistin Anja Silja etwa erwähnt sie mit keinem Wort, und dass die beiden Wagner-Brüder – Wieland war Jahrgang 1917, Wolfgang Jahrgang 1919 – sich so spinnefeind waren, dass der Jüngere alle Spuren des Älteren nach dessen frühem Tod 1966 eiligst tilgte, das tangiert sie höchstens im Blick auf die daraus resultierende heikle Archiv- und Forschungssituation.

Man mag das bedauern, einerseits, auch im Sinne einer süffigeren Lesbarkeit. Das Buch ist Kapsamers theaterwissenschaftliche Dissertation, es strotzt nur so vor Anmerkungen, Querverweisen, Zitaten und Exkursen (wobei ein Lektorat hier manch Entflechtendes hätte leisten können). Andererseits dürfte bislang, wenn überhaupt, jene boulevardeske Seite des Komponisten-Enkels, der Mythos Neu-Bayreuth, für den er so emblematisch wie diffus steht, ans Licht der Öffentlichkeit gedrungen sein.

Kapsamer geht es um den Künstler dahinter, den jugendlichen Maler und Fotografen Wieland, den Bühnenbildner und akribischen Modell-Arbeiter, den „die Musik wissenden Regisseur“ und den Wegbereiter eines so abstrakten wie psychoanalytisch motivierten wie „kultischen“ Theaters: im allseits verwickelten Fadenkreuz zwischen klassischer Moderne und dem Realismus eines Felsenstein, zwischen Bertolt Brecht, Ernst Bloch und Carl Orff. Als „ostzonal“ und „bolschewistisch“ wusste die konservative Musikkritik viele seiner Aufführungen zu verdammen.

Ob die Festwiese in den Bayreuther „Meistersingern“ von 1953 nun einem „Hörsaal“ glich oder der 1965er „Ring“ – ein Jahrzehnt vor Joachim Herz und Patrice Chéreau! – Wotan als „schuldbeladenen und machtgierigen Politiker“ zeichnete („Von Walhall nach Wall Street“ titelte der „Spiegel“): Wielands berühmt-berüchtigte Scheibe ist von Anfang an mehr gewesen als der pflichtschuldige Beweis einer erzwungenen Entrümpelung, weit mehr als ein ästhetischer Persilschein.

Schade, dass das Politische bei Kapsamer letztlich doch zu kurz kommt. Auf die Frage, inwieweit Wieland, Adolf Hitlers „Augenstern“, ideologisch anfällig gewesen sein könnte für das nationalsozialistische System, nennt sie lediglich das Streben nach mehr (Festspiel-)Macht und die Opposition zu Mutter Winifreds Intendanten-Schatten Heinz Tietjen als Beweggründe. Der Bühnen-Revolutionär als Opportunist? Die Kontinuität als heimlicher Stachel im Fleische Neu-Bayreuths? Der Rückgriff auf die Zwanzigerjahre auch und nicht zuletzt als Versuch, Geschichte im Ausblenden wieder gut zu machen?

Wieland Wagner ist zu früh gestorben, als dass er sich dazu noch hätte verhalten müssen und können. Die Musiktheatergeschichtsschreibung aber steht, dank Ingrid Kapsamers Arbeit, mit diesen Themen nun an einem Anfang, der nicht mehr nur von Mythen zehren muss.

Ingrid Kapsamer: Wieland Wagner.

Wegbereiter und Weltwirkung. Styria

Verlag, Graz 2010.

416 Seiten, 24,95 €.

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