Kultur : Die Weltraumspaziergänger

Thomas Eckert / Joachim Huber

Was sieht ein Philososoph, wenn er fernsieht? Flimmern und Rauschen. Kann denn das wirklich alles sein? Ja, sagt Peter Sloterdijk, der Kritiker der zynischen Vernunft, der uns in seinem auf drei Bände angelegten "Sphären"-Werk die Welt zu erklären versucht. Vielleicht nicht die Welt. Aber doch, wie die Welt der Menschen wurde, was sie ist. Eine Welt, in der auch die Philosophie - oder die Philosophen - nicht mehr ohne Fernsehen auskommen.

Immer wieder nachts sieht Sloterdijk fern. Nicht ganz so, wie es wohl die allermeisten tun. Für Peter Sloterdijk ist das Fernsehen eine ganz persönliche Meditationsmaschine: das "perfekte Medium zur Herstellung von Gleichgültigkeit".

Da sitzen sie also, Peter Sloterdijk, Rektor der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, und Rüdiger Safranski, freier Autor in Berlin mit einem Faible für Philosophisches und Spätprogramme, die S-Bahn-Fahrten zeigen. Ganz entspannt und ohne erkennbare Anzeichen einer immerhin möglichen Nervosität. Zwei beige Sofas, drei stahlgraue Beistelltischchen, zwei Männer, Sloterdijk 54 Jahre und Safranski 56 Jahre alt, die ihre Aktentaschen aus schwarzem und braunem Leder hinter die Zweisitzer schieben und dann zu allem bereit scheinen.

Sloterdijk trägt Socken mit roten Streifen von Yamamoto. Rotgestreifte Socken nennt Sloterdijk "quintessentielle, dekonstruktivistische Mode". Safranski raucht Pfeife, aber erst, als die große Pressekonferenz mit Schnittchen, Kuchen und Blümchenkaffee zu Ende ist und man zum gemütlichen Teil übergeht - in der "Gläsernen Manufaktur" im Großen Garten mitten in Dresden, in der bald der Luxuswagen Phaeton für den VW-Konzern zusammengeschraubt wird (zur Gläsernen Manufaktur siehe Tagesspiegel vom 12. 12. 2001).

Glas überall, Durchblicke, so weit das Auge reicht, ein paar Arbeiter in Overalls, die hier so fremd wirken wie Pferde auf dem Mond. Und hoch über allem thront das Glashaus-Studio, in dem die beiden Herren sechs Mal in diesem Jahr philosophieren werden. Nein, halt! Philosophieren, das wollen sie ja gerade nicht. Sprechen ja, sprechen mit Gästen wie Reinhold Messner und Friedrich Schorlemmer, die in der ersten Ausgabe des "Philosophischen Quartetts" am heutigen Sonntag dabei sein werden.

Angst und Abenteuer

Gespräche mit Philosophen, nicht über Philosophie, sagt Safranski. "Wir wollen philosophisch auf die Wirklichkeit blicken." Das erscheint Sloterdijk von seinem Freund und Mitstreiter doch ein wenig zu unphilosphisch formuliert. "Eine Totalsimulation von Leben. Und ein Abenteuer." Das ist es.

"Womit könnte man den Versuch vergleichen, eine philosophische Fernsehsendung zu machen?", fragt Sloterdijk rhetorisch in die Runde. "Ich will es Ihnen sagen: mit dem Bau einer Raumstation." Als wären sie umgeben von einer feindlichen Umwelt und fern dieser Welt, wollen die beiden Denker "Weltraumspaziergänge" unternehmen. "In der Raumstation können wir lernen, was auf der Erde gewesen ist", sagt Sloterdijk, "wir wollen nichts zu etwas herabwürdigen, was wir schon kennen".

Mit dem Berg-Extremisten und Existenzial-Philosophen Reinhold Messner und dem Theologen Friedrich Schorlemmer soll über Angst gesprochen werden. Sloterdijk erwartet unerwartete Antworten: "Wenn das Gespräch mit uns, den Philosophen, nichts macht, dann macht es auch nichts mit den anderen." Das Quartett soll sich zu Klarheiten vorarbeiten, wo es diesig zugeht.

Das Ziel ist definiert und in der Pressemappe des ZDF nachzulesen: "Die Moderatoren werden ihre Gäste dazu animieren, ihre Denkpositionen in Frage zu stellen, also vermeintlich endgültig Durchdachtes noch einmal neu zu denken." Etwas bedienungsfreundlicher formuliert: Eine ebenso amüsante wie geistreiche Denk-Reise soll es werden. Sollte doch das Durchdachte neu durchdacht werden, dann wäre das Resultat nichts anderes als eine Revolution des Denkens - deshalb geht Peter Sloterdijk auch etwas bescheidener auf Raumpatrouille als das Mutterschiff ZDF. "Wir wollen eine Zelle bilden, wir wollen Komplexität aufbauen, wir wollen Sprachkultur, wir wollen, dass breit nachgelesen wird" (soll heißen: auf der Homepage werden Informationen zur Sendung angeboten).

Denn eine Furcht teilen die beiden Philosophen: Die fernsehöffentliche Person entwickelt ein Eigenleben, das zum Interesse am schriftlichen Werk in Widerspruch steht. Sollte die Sockenfrage die Seinsfrage überwölben, will sich Sloterdijk vom Turm der "Gläsernen Manufaktur" stürzen. Safranski wird weiterleben. Über seine Kleidung bestimmt seine Ehefrau.

Ist etwas Neues dran am "Philosophischen Quartett"? "Das bewegte Bild eines Philosophen", sagt Soterdijk. Keine Angst vor dem Fernsehen? Nein, aber Sorge, dass die Sendung nicht gut genug werden könnte. Das Ziel heißt: Vollkommenheit. Fernsehen sei doch eigentlich bebilderter Hörfunk, sagt Sloterdijk, und also wollen die Denker Ohren öffnen und zum Denken anregen. Die Männer vom ZDF werden blass. Sloterdijk sagt: "Zur Not geht es auch ohne Bilder." Der Vertrag läuft erst einmal ein Jahr.

"Die Zuschauer haben gelernt, dem präfabrizierten Witz zu applaudieren." Beim Philosophischen Quartett sollen sie lernen, auf etwas zu reagieren, was es bis zu dem Augenblick, in dem es passiert, nicht gab. "Das Fernsehen", sagt Sloterdijk, "ist ein flaches Medium". Aber ob das auch sein Wesen sei? Wer weiß. Die Männer auf der Philosophen-Couch wollen für die Erzeugung einer Mentalität arbeiten, die den Habitus des Lesens unterstützt. Sie haben ein Feindbild, und es hat einen Namen: Marcel Reich-Ranicki. Exzesse der Vereinfachung, wie sie der Meister des "Literarischen Quartetts" systematisch betrieben habe, wird es bei uns nicht geben, sagt Sloterdijk. Auch keine Temperamentsausbrüche.

Die Rollen sind verteilt: Safranski, der Fan des deutschen Idealismus, wird die philosophischen Räume nach hinten absichern, Sloterdijk ist für die Abteilung Zukunft zuständig. Philosophen können sich an Grundsituationen, an so etwas wie Existenz oder Dasein, einfach nicht gewöhnen, sagt Sloterdijk. Es geht um alles.

Unbedingt: Verständlichkeit!

"Zwölf Prozent der Zuschauer interessieren sich für Kulturelles im weitesten Sinne", sagt Hans Helmut Hillrichs, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft, "wir wären froh, wenn 500 000 Menschen einschalten". Ist Philosophie nicht vielleicht doch der falsche Stoff fürs Massenmedium? Antwortet der Philosoph: "Philosophie ist kein Stoff. Philosophie ist ein Modus des Denkens und Reflektierens." "Wir sind frei", ergänzt Rüdiger Safranski. "Wir nehmen uns die Freiheit, alles zu sagen", sagt Sloterdijk. "Das ist das Minimum. Wir haben dem Intendanten nur versprochen, verständlich zu reden."

Freiheit im Fernsehen! Sollte das wahr werden, dann wird es vielleicht nicht das Fernsehen, aber sicher das ZDF verändern. Was eigentlich, wenn jemand auf die Idee käme, die Totalsimulation des Lebens der Herren Sloterdijk und Safranski eine ganz und gar profane Talkshow zu nennen? "Warum nicht", sagt Sloterdijk. "Klingt zwar vulgär. Macht aber nichts."

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