Kultur : Die Wirklichkeit einer Insel

Schulkinder im Schatten der Mauer: Autorin Ulrike Sterblich lässt das West-Berlin der achtziger Jahre auferstehen.

Kaspar Heinrich
Seitenwechsel. Die Berliner Schriftstellerin Ulrike Sterblich in der Bötzowstraße, Prenzlauer Berg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Seitenwechsel. Die Berliner Schriftstellerin Ulrike Sterblich in der Bötzowstraße, Prenzlauer Berg. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sie hat rübergemacht. In den Osten. Freiwillig. Ulrike Sterblich ist mit ihrer Familie im Bötzowkiez gelandet, in Prenzlauer Berg. Hier lebt sie mit ihrem Mann, hier geht ihr sechsjähriger Sohn in die erste Klasse. Und das bei ihrer Vergangenheit.

Ulrike Sterblich ist auf einer Insel geboren und aufgewachsen, der Insel auf dem Trockenen. „Eine Insel im Meer war wirklich schöner als eine Insel im Osten“, schreibt sie in ihren Kindheitserinnerungen „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“. Auf ihre Heimat West-Berlin – in der DDR-Lesart: „Westberlin“ – war Sterblich trotzdem schon als Kind unglaublich stolz.

Und genau so hat es die heute 42-Jährige nun aufgeschrieben: aus den Augen des aufwachsenden Mädchens, das sie in den Achtzigern in der Frontstadt war. Eines Mädchens, das die Mauer als alltäglichen Teil ihres Lebens begriff und sich dennoch häufig wunderte. Darüber, dass sie keine Popstar-Poster an ihre Brieffreundin in der DDR schicken durfte. Oder darüber, dass Berlin gleichzeitig Hauptstadt sein sollte und dann auch wieder nicht.

Sterblich hat ihre Erinnerungen festgehalten – und dabei einiges persönlich gefärbt und fiktional erweitert. Zu dieser Vorgehensweise hat sie ein Treffen mit ihren Tanten ermuntert. „Als alle zusammensaßen und von früher erzählt haben, haben sie sich nur gegenseitig widersprochen“, sagt die Schriftstellerin im Gespräch. Das habe sie darin bestätigt, konkreten Erinnerungen eine untergeordnete Rolle zu geben – weil sich ohnehin jeder seine eigene Wirklichkeit baue.

Eigentlich wollte sie ein Buch über Neukölln schreiben. Die Empörung über Thilo Sarrazin, die Arbeit der Jugendrichterin Kirsten Heisig – all das hätte in so ein Buch gehört. Es waren aber nicht Sterblichs Themen. Am Ende ist es dann ein Buch über West-Berlin geworden. Oder zumindest weite Teile davon. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Autorin nicht, die nördlichen Bezirke Spandau und Reinickendorf etwa waren immer weiße Flecken in ihrem Leben, so bleiben sie es auch im Buch.

Das wichtigste Hilfsmittel bei Recherche und Schreibarbeit war ein Stadtplan von 1987. Wenn sie die alte Karte gedanklich durchwanderte, erinnerte sie sich an die Orte, in denen für sie Bedeutung steckte – und die sich nun in den 73 kurzen Kapiteln wiederfinden. Im Rowohlt-Verlag wurde der Stadtplan später zerrissen und eingescannt, nun steht ein Ausschnitt jedem der Kapitel voran, die meist nach Orten der Stadt benannt sind.

Der tägliche Schulweg von Mariendorf nach Neukölln, der erste Freund, Erfahrungen im Berliner Nachtleben, ein Schüleraustausch in die USA – davon erzählt Sterblich. „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“ ist dort am stärksten, wo sich das Kind Ulrike über den Irrsinn des geteilten Berlins wundert. Wo ein unverstellter, naiver Blick auf die absurden Tücken des Alltags fällt, auf das Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten, das wie eine „Kinderpost“ erscheint, auf Geisterbahnhöfe mit Uniformierten im Schummerlicht. Und auf das ewig mulmige Gefühl auf den Transitstrecken durch die DDR. Das Buch zieht hinein in die Zeit, baut diese ganz eigene Welt mit ihrem ganz eigenen, oft merkwürdigen Lebensgefühl wieder auf.

Ulrike Sterblich ist studierte Politologin und hat unter dem Namen „Supatopcheckerbunny“ Comedy in Radio und Fernsehen gemacht. Diese Doppelbegabung kommt dem Buch zugute. Es findet die Balance zwischen Leichtem und Schwerem, nimmt seine Zeit ernst, ohne sie mit Pathos zu beladen.

Es gibt aber auch schwächere Passagen, die überall hätten spielen können, in West-Berlin genauso wie in Bottrop oder Mühldorf am Inn. Dann ist weder der Stoff noch Sterblichs jugendlicher Plauderton stark genug, um die Spannung zu halten. Die Geschichten driften in die Belanglosigkeit, in ein plätscherndes „Ich so, er so“. Das passiert jedoch selten, eben weil vieles im West-Berliner Alltag untrennbar mit dem Frontstadtcharakter verbunden war.

Dem erzählenden Teil eines jeden Kapitels ist ein kurzer erklärender Teil angefügt. Da geht es um die Orte, an denen Sterblich ihre Kindheit verbrachte, und deren Schicksal nach der Wende. Diese Passagen zeigen, wie viel im Westteil der Stadt nicht mehr ist, wie es war, welche Gebäude abgerissen und welche Kinos geschlossen wurden. Aber auch, welcher Sonderstatus der Stadt zufiel: Dass man noch bis 1992 für jedes Ortsgespräch 23 Pfennig zahlte und West-Berliner nicht an den Bundestagswahlen teilnehmen durften. Anekdoten für die alten WestBerliner, Fakten für die Zugezogenen. Das ist das Rezept von Ulrike Sterblich – und es funktioniert gut.

Am Ende fällt, man ahnt es, die Mauer, schulfrei gibt es trotzdem nicht. „Das Sowjetimperium mochte dieser Tage abweichen von allen möglichen Doktrinen, aber unsere Schuldoktrin ficht das nicht an. Die stand fester als der antifaschistische Schutzwall.“ Und der ist auch nach seinem Fall noch präsent: Die meisten Berliner blieben bei Umzügen ihrem alten Kiez treu, schreibt Sterblich, „selten ziehen sie vom Westen in den Osten oder umgekehrt“. Es sei eben immer ganz eigen gewesen in West-Berlin, deshalb falle es schwer, die (halbe) Stadt zu verlassen. Von den alten Freunden, die doch weggingen, seien mehr ins Ausland gezogen als nach Ost-Berlin oder in den Rest Deutschlands, erzählt Sterblich.

Sie selbst ist eine Ausnahme. Seit sie vor rund zehn Jahren aus München zurück nach Berlin kam, wohnt sie im ehemaligen Ost-Berlin. Dort, wo in ihrer Kindheit die Insel zu Ende war. In München hatte Ulrike Sterblich es in drei Jahren nicht geschafft, ein Gefühl von Heimat aufzubauen.

Wenn sie heute mit ihrem Sohn an Überbleibseln der Mauer vorbeifährt und er danach fragt, fühlen sich die Antworten für die Mutter komisch an. Abstrus und wie ausgedacht – und einem Kind kaum zu vermitteln. „Es ist, wie wenn die Großeltern vom Krieg erzählen“, sagt die Autorin.

Hätte Ulrike Sterblich im selben Ton über eine Kindheit in der DDR geschrieben, wäre ihr wohl Ostalgie vorgeworfen worden. Der Gegenbegriff der Westalgie ist noch nicht weit verbreitet, auch wenn Sven Regeners „Herr Lehmann“ diese Sehnsucht schon bediente. Er ist bereits den Weg vom Roman zum erfolgreichen Spielfilm gegangen – und auch Sterblichs Erinnerungen scheinen wie gemacht für eine Leinwandversion.

Ulrike Sterblich: „Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt“. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 368 S., 9,99 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar