Kultur : Die Wirklichkeit im Museumsdorf

Ewiger Sehnsuchtsort: Annette Seemanns Buch über Weimar und seine widersprüchliche Kulturgeschichte.

Fritz von Klinggräff

Weimar revisited. Das Goethehaus bekommt im August seine neue Dauerausstellung und das grundsanierte Goethe-Schiller-Archiv wird wieder eröffnet. Im Norden der Stadt wächst das zentrale Museumsdepot in die Breite, und im Schloss beginnen die Umbauarbeiten für das künftige Besucherzentrum. Gut zwölf Jahre nach dem ersten deutschen Kulturstadtjahr – in Weimar 1999 – macht sich die einstige Klassikerstadt auf, die Pläne zu realisieren, die im sogenannten Masterplan „Kosmos Weimar“ seit 2008 beschrieben sind.

Der richtige Moment also, um auf die Stadt und ihre widersprüchliche Kulturgeschichte zurückzublicken. Denn auch Peter Merseburgers Dauerbrenner „Mythos Weimar“ ist in die Jahre gekommen. Mit dem Kulturstadt-Intendanten Bernd Kauffmann war der Journalist 1999 nach Weimar gekommen und hatte neue politische und provozierende Fragen gestellt.

Das Bild vom zugleich humanen und barbarischen Januskopf Weimar hatte zur Jahrtausendwende die Vorstellung von der ideologisch unangefochtenen Klassikerstadt ersetzt und wurde wie der „Musenhof“ Anna Amalias glattweg zum „Mythos“ erklärt. Dagegen kommt nun Annette Seemanns neuer Gesamtüberblick „Weimar – Eine Kulturgeschichte“ im Titel mit solidem Understatement daher. In Vor- und Nachwort sucht man vergeblich nach einem ultimativen Reflexionsfixum.

Selbst die Epoche der großen Entideologisierung nach 1999 ist im letzten Kapitel schon historisiert. Wenn die profilierte Weimarer Autorin und Übersetzerin den einstigen Kulturstadt-Intendanten Kauffmann zu Unrecht als Eventmanager abkanzelt, sei ihr dies als Ehefrau seines Nachfolgers verziehen. Den grundlegenden Perspektivwechsel, der in dieser Zeit seinen Anfang nahm, unterschlägt sie damit.

Die Kulturstadt Europas war schon 1999 in großen Zügen gedacht und bespielt worden, auch wenn sie nun gerade in den Bauvorhaben der Klassik-Stiftung 2012 zu sich selbst kommt. Denn mit dem Bauhausmuseum am nationalsozialistischen Gauforum wird Weimar in Zukunft nicht mehr auf die Klassikerstadt als Hort der humanistischen Bildung reduziert werden können. Konservative Kritiker wie Paul Raabe oder der Feuilletonist Thomas Steinfeld mögen dies bedauern. Sie sehen aber nur die Konturen eines Museumsdorfes verschwimmen, das seine Realität so nie hatte. Dies zeigt in schöner Deutlichkeit auch Seemanns Kulturgeschichte, die schon auf ihrer ersten Seite von einer „symbolisch hoch aufgeladenen, mehrfach codierten Stadt“ spricht. Seemann beginnt ihre Stadtgeschichte mit der hohen Zahl an „Rastplätzen altsteinzeitlicher Jäger und Sammler“, die um Weimar herum Station gemacht hatten. Verkehrswege, Handwerk und Industrie säumen diese Geschichte einer von außen kommenden Hochkultur. Dass Weimar gleichwohl früh seine selbstreferenzielle Dynamik entfaltete, zeigt Seemann in ihrem schönen Kapitel zu den Gründungslegenden der „Fruchtbringenden Gesellschaft“, der ersten deutschen Sprachgesellschaft von 1622.

Zum Igel der Klassiker-Hasen macht sie danach eine Randfigur der Weimarer Klassik: der Unternehmer, Übersetzer, politisierende Medienmogul und Kunstmäzen Friedrich Justin Bertuch. In dem Residenzstädtchen mit seinen 6000 Einwohnern gründet der Schatullverwalter des Herzogs 1791 das Landes-Industrie-Comptoir und kurz darauf das „Journal des Luxus und der Moden“. Am neuen, explodierenden Medienstandort Weimar spielt der Übersetzer des Don Quichote die Rolle des unermüdlichen Initiators. Er gründet eine Druckerei, bindet Künstler, Typografen, Kupferstecher in seine Landkartenproduktion ein, entwirft Weimars erste freie Schule für Kunst und Handwerk und handelt mit Manufakturprodukten wie den Seidenblumen seiner Frau. Nach Seemann könnten Bertuchs unternehmerische Qualitäten noch heute Vorbild für eine geschickte Diversifizierung seiner Druckprodukte sein; zugleich ist er Vorreiter für die Zeitungswerbung und gründet 1816 ein spitzzüngiges „Oppositionsblatt“.

So bleiben zwar Hochkultur und neue Geselligkeit in Seemanns souveräner Darstellung der klassischen, „goldenen“ Zeit oberstes Thema. Durchsetzt aber sind sie mit einer Zivilisations- und Emanzipationsgeschichte – und den neueren medienwissenschaftlichen Ausgrabungen zur Selbstarchivierung der Goethezeit.

Nur im groben Raster der Kapitelfolge dominiert noch die politische Herrschaftsgeschichte. Auf die Goldene folgt hier bald Carl Alexanders Silberne Zeit, und auf die Moderne die „braunen“ und „roten“ Jahrzehnte. Seemanns Darstellung des 20. Jahrhunderts zielt auf die reaktionären Sehnsüchte und Verbrechen des Weimarer Kulturbürgertums: „Gering oder gar nicht vorhanden war in Weimar der Widerstand der Gebildeten gegen die völkischen Wahnideen Hitlers, und groß war das Bedürfnis nach einem erneuerten Deutschland, das dem Muster eines neuen Weimar folgte.“ So ist vermutlich auch die psychosoziale Verkehrung dieser Geschichte in dem Zwischentitel „Ein nationalsozialistischer Sehnsuchtsort“ eher auf einen lapsus linguae des Lektors zurückzuführen. Wenn überhaupt „Sehnsucht“, dann war es die Weimars nach einem Hitler.

Natürlich ist auch diese neue Kulturgeschichte Weimars ein wissenschaftlicher Sampler. Dies aber macht ihre Stärke aus. Denn die Forschungen im 21. Jahrhundert, etwa am Jenaer Sonderforschungbereich „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“ oder am Weimarer Graduiertenkolleg „Mediale Historiografien“, haben inzwischen ihre Früchte getragen. Sie verhelfen zu einer differenzierten Darstellung der Weimarer Aufschreibesysteme. Unter anderem des Mythos Weimar.

Annette Seemann: Weimar. Eine Kulturgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2012. 465 Seiten, 24, 90 €.

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