Kultur : Die zarte Amazone

Zurück zu den Mythen der Maori – der neuseeländische Film „Whale Rider“

Silvia Hallensleben

Wie ein gestrandeter Walfisch liegt die kleine Insel vor der neuseeländischen Nordostküste. Ein überwucherter Felsbuckel nur, doch oben im Ort erinnnert zwischen Autowracks und Bierdosen eine geschnitzte Holzfigur an die Zeiten, als Mensch und Tier, tote und lebende Materie noch nicht voneinander geschieden waren. Ein Wal war es damals auch, der die ersten Bewohner an die grüne Küste brachte.

Seitdem wird der Ehrentitel des Walreiters Paikea an den männlichen Stammhalter der Häuptlingsfamilie weitergereicht. Jetzt wäre es wieder soweit: Koro, der Stammesvorstand, ist ein alter Mann geworden und sieht mit Bitterkeit dem kulturell-moralischen Niedergang seines Volkes und auch seiner Familie zu. Der älteste Sohn treibt sich als gefeierter Maori-Künstler in der Welt herum, der zweite ist ein freundlicher Nichtsnutz. So erwartet Koro mit Ungeduld die Geburt des Enkelsohns, der einmal seine Nachfolge antreten soll. Doch die Mutter stirbt bei der Geburt von Zwillingen, mit ihr das männliche Neugeborene. Aus Trotz tauft der trauernde Vater das überlebende Mädchen auf den großen Namen Paikea. Dann verschwindet er nach Europa und lässt die Tochter in der Obhut der Großeltern zurück. Die lieben das Kind. Doch für Großvater Koro ist eine Frau als Stammesführerin undenkbar. Außerdem ist das Mädchen für ihn am Tod seines Zwillingsbruders mindestens mitschuldig.

1987 schon hat der Maori-Autor Witi Ihimaera die Erzählung „Whale Rider“ für seine beiden Töchter geschrieben, um ihnen einmal eine weibliche Heldin zu schenken. Die junge neuseeländische Regisseurin und Drehbuchautorin Niki Caro hat die mythische Erzählung zu einer geradlinigeren Emanzipationsgeschichte umgeschrieben, die ihren spirituellen Hintergrund trotz aller Bodenständigkeit nie verrät und ein erfrischend ungewöhnliches weibliches Rollenmodell präsentiert.

Paikea beweist früh ihre Berufung zu Außergewöhnlichem: Auf die Zwiesprache mit den Ahnen versteht sie sich sowieso am besten. Doch auch im heimlich erlernten Stockkampf übertrifft sie bald die gleichaltrigen Jungs, die der Großvater im Stammeshaus unterrichtet. Und selbst die kartenspielenden Dorfweiber drücken schnell ihre Zigaretten aus, wenn das Mädchen naht. Nur der Großvater weist harsch jeden Annäherungsversuch zurück. Und als eines Tages Wale auf dem Strand antreiben, gibt er Paikea die Schuld an dem Desaster. Mit kollektiver Kraftanstrengung versuchen die Bewohner die sterbenden Tiere zu retten – grauglitschige Kolosse, die letzte fauchende Lebenszeichen von sich geben. Doch der Strick am Traktor reißt, neue Technik und alte Weisheiten scheinen am Ende. Neues muss kommen, doch wie soll es entstehen? Niki Caros Welt ist kein mythisches Maori-Märchenland, sondern ein sehr gegenwärtiger Ort, an dem der uralte Gesang der Wale sich zwischen das Dröhnen der hochgetunten Automotoren mischt. „Whale Rider“ erzählt von diesem Ort und vom Kampf eines kleinen Mädchens um ein ihr angemessenes Leben und die Verantwortung für die Zukunft ihres Volkes, dessen Lebensweisen von den weltweiten Veränderungen mitgerissen werden.

Folkloristischen Verklärungen entgeht der an Originalschauplätzen gedrehte Film mit einem Schuss Ironie ebenso elegant, wie er emotional die Kitschgrenze kitzelt. Denn „Whale Rider“ ist auch die Liebesgeschichte zweier Menschen, die einander in ihrem Eigensinn zu ähnlich sind, um sich ignorieren zu können. Der Schauspieler Rawiri Paratene, der seine Rolle mit dem Lear vergleicht, spielt den alten Koro mit einer barschen Zärtlichkeit, die verstehen lässt, warum Paikea seine Liebe so sehr braucht. Und die zwölfjährige Keisha CastleHughes, die für ihre erste Rolle aus tausend neusseländischen Schulmädchen gecastet wurde, ist mit ihrer verblüffenden Präsenz wohl das, was man im Englischen ein „natural“ nennt. Daheim ist das ernsthafte Mädchen schon jetzt ein Idol. Der Film hat unterdessen auf Festivals viele Preise eingeheimst und läuft erfolgreich in den USA: ein kleines Zeichen dafür, dass internationale Kompatibilität nicht unbedingt kultureller Landesverrat heißen muss.

In Berlin im Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Yorck und Odeon (OmU)

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