Kultur : Die Zauberberggasse

Das Wiener Freud-Museum betrachtet das „Denken im Liegen“

Bernhard Schulz

Die Wohnung in der Berggasse 19 ist leer. Allein das Wartezimmer weist noch das Originalgestühl auf; ein Geschenk von Freuds Tochter Anna. Alles andere befindet sich in London, dem späten Exil- und bald auch Sterbeort Freuds.

Vor allem fehlt die Couch. Die Couch, die Freud selbst noch als „Diwan“ oder „Ruheliege“ zu bezeichnen pflegte, ist zum Symbol der Psychoanalyse geworden. Romane haben sie beschrieben, Filme suggestiv gezeigt. Die Couch steht für das, was in der Analyse mit Worten geschieht: für das Nichtdarstellbare.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts haben sich die Wissenschaften aus der sinnlichen Erfahrbarkeit des Menschen verabschiedet. Die Relativitätstheorie lässt sich beschreiben; was sie beschreibt, jedoch nicht mehr wahrnehmen. Ähnlich die Psychologie: Ihren Erkenntnissen begegnet der Durchschnittsmensch mit dem Misstrauen der mangelnden Nachprüfbarkeit. Umso wichtiger, mit der Couch ein konkretes Objekt zu kennen, das das Fremde vertrauter macht.

Die Couch, die Couch Sigmund Freuds, ist auch zum Jubiläum des Meisters nicht an den Ort ihrer jahrzehntelangen Benutzung zurückgekehrt. Mit dieser Leerstelle spielt das Sigmund- Freud-Museum in der Berggasse 19 in seiner zum Geburtstag eröffneten Ausstellung „Die Couch. Vom Denken im Liegen“. Freuds Diwan mit dem orientalischen Teppichüberwurf ist nur als Diaprojektion auf dem Fußboden zu sehen – und das nicht in der Mezzanin-Wohnung Freuds, sondern in der darüber liegenden Beletage, die Gattin Martha so gerne gegen das düstere Zwischengeschoss eingetauscht hätte, das sich der junge Arzt beim Einzug 1891 lediglich leisten konnte. In dieser trotz gleichem Grundriss so viel großzügiger wirkenden, unlängst noch privat genutzten Wohnung entfaltet sich die Ausstellung assoziativ – mit einem Rückgriff auf Aby Warburg und dessen kulturhistorischen Bilderatlas „Mnemosyne“. Was Warburg – übrigens selbst jahrelang in Behandlung – als Überleben antiker Bildformeln durch die Jahrhunderte hinweg entschlüsselt, lässt die Freud’sche Methode der sprachlichen Assoziation auf der Couch in einem anderen, durchaus weniger neuartigen Licht erscheinen. Denn das „Denken im Liegen“ hat eine uralte Tradition. Freud wusste sie sich – darin das Neuartige seiner Arbeit – für die Aufdeckung des Unbewussten zunutze zu machen.

Also geht es nicht nur um das Denken im Liegen, sondern überhaupt um die Gehirnvorgänge in horizontaler Lage. Bis dahin war es ein erstaunlich weiter Weg, wie die Beispiele der „Behandlung“ psychisch kranker Menschen vor Freud zeigen. Sie bestand im Einsperren, Drangsalieren und Bestrafen. Erst wenige Jahre vor dem Beginn von Freuds Wiener Medizinstudium wurde der „Narrenturm“, seinerseits durchaus ein Produkt der Aufklärung unter Kaiser Josef II., geschlossen. Er beherbergt heute das Anatomisch-Pathologische Museum, in seinem burgartigen Gemäuer einer der unheimlichsten Orte des mit derlei ohnehin reich bestückten Wien.

Dann kommen, mit Freud und parallel zu ihm, neuartige Behandlungsmethoden auf: Liegekuren in heller Umgebung. Die Krankheit der Zeit heißt „Neurasthenie“, ein Zustand heftiger Erregbarkeit bei gleichzeitiger vorschneller Erschöpfung. Die „Nervenkrankheit“ wird zum Signum der Epoche, der Moderne mit ihrer ungeheuren Beschleunigung. Innerhalb welcher Umwälzung der medizinischen Wissenschaften Freud angesiedelt ist, macht ein Besuch der „Heil- und Pflegeanstalt am Steinhof“ deutlich, die Stadtbaurat Otto Wagner in nur drei Jahren bis 1907 erbaute: in die Landschaft eingefügte Pavillons für 2700 Kranke, gekrönt von der bis ins letzte Detail auf die Erfordernisse des Krankenbetriebs abgestimmten Jugenstil-Kirche Am Steinhof, deren Kuppel nach mehrjähriger Restaurierung wieder im ursprünglichen Golde glänzt.

Freuds Klientel kam aus anderen Kreisen. Die Damen der gehobenen, wie die Freuds selbst meist jüdischen Gesellschaft hatten Zeit und Geld, langwierige Gesprächsanalysen zu betreiben. Die Behandlungsmethoden der Zeit durchdringen einander, wie die höchst einfallsreich gestaltete Ausstellung zeigt. Da ist das Luxussanatorium Purkersdorf bei Wien, von Jugendstil-Zentralgestirn Josef Hoffmann gestaltet und leider nicht mehr als solches erhalten, da sind die Kliniken in Schweizer Bergluft, vertreten durch eine Davoser Peddigrohr-Liege und unsterblich gemacht durch Thomas Manns Gesellschaftsporträt des „Zauberbergs“.

Da sind schließlich die Aufnahmen der amerikanischen Fotografin Shellburne Thurber, die die Behandlungszimmer von Psychoanalytikern heute zeigt: lauter kleine Freud-Variationen, mit Porträts des Meisters oder gar, wie bei diesem, mit kleinformatigen Antiken und allerlei Afrika-Nippes bestückt.

Ob das die Seele zum Schwingen bringt? Die Ausstellung tut es jedenfalls, indem sie genau jenen Raum zum freien Assoziieren lässt, dem sich Freuds Analyse verdankt – und dessen sie bedarf.

Wien, Berggasse 19, bis 5. November. Katalog bei Prestel, auch im Buchhandel 24,90 €. – www.freud-museum.at

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