Kultur : Die Zeit und das Wohnzimmer

Zurück zur Familie: Die zeitgenössische Kunst entdeckt das Neokonservative. Beobachtungen bei der Berlin-Biennale

Knut Ebeling

Im Internet-Magazin des Goethe-Instituts werden seit jüngster Zeit neue Töne angeschlagen. In der März-Ausgabe erzählt die Künstlerin Amelie von Wulffen so selbstverständlich über das Wohnzimmer ihrer Eltern, wie Künstler früher über die Interieurs Vermeers staunten. Und Andreas Hofer, ein Star der watchlists der Kunstmagazine, malt Heimatdörfer wahlweise expressionistisch, konstruktivistisch oder neuwild.

Heimat, Familie, Bindung – das sind Stichwörter, die man in der Bildenden Kunst aus dem Blick verloren glaubte. Neuerdings kehren sie auch auf Einladungskarten internationaler Großausstellungen zurück. Das Plakat der vierten Berlin-Biennale ziert ein junges Paar, das mit Sternen in den Augen einen Bund fürs Leben schließt. Deren Tochter, die polnische Künstlerin Aneta Grzeszykowska, verwendete das Hochzeitsfoto ihrer Eltern für eine Arbeit, die auf Fotos aus dem Familienalbum basierte – sich selbst hat die Künstlerin aus den Abzügen wohlweislich entfernt. Allein die Wahl dieses Fotos für das Plakatmotiv verrät viel über aktuelle neokonservative Tendenzen in der Kunst.

Erfunden hat die Berlin-Biennale diesen Neokonservativismus allerdings nicht. Sie bringt ihn nur besser auf den Punkt als viele andere internationale Kunstshows von Venedig bis Kassel. Der compassionate conservatism der jüngeren Kunst zeigt sich am deutlichsten in einem Video von Reynold Reynolds und Patrick Jolley: In ihrem Beitrag „Burn“ geht ein trautes Heim in Flammen auf. Sie werden ausgerechnet in der Nähe einer schlafenden Schönen im weißen Négligé entzündet – eine Inszenierung, die jene Beschützerinstinkte evoziert, die von konservativen Denkern gern beschworen werden.

Die kultische Rückkehr an Heim und Herd macht das mitfühlende Empfinden einer zeitgenössischen Kunst deutlich, die gegen die soziale Kälte des Konservativen dessen karitative Kräfte entdeckt. Unzählige Arbeiten, die derzeit in Galerien und Kunsträumen zu sehen sind, sprechen in einer Tonart von Angst und Hilfsbedürftigkeit zu ihren Betrachtern. Nicht das Soziale und nicht der Staat – der immer seltener von Künstlern angesprochen wird –, sondern die elementaren Energien des Menschen sollen sein drohendes Unheil abwenden.

Tatsächlich hat sich der Kniefall der Kunst vor dem Elementaren bereits auf der letzten Biennale in Venedig angedeutet. Und selbst die altehrwürdige Documenta in Kassel – nicht eben eine Weihestätte konservativer Gefühle – entdeckt die Gefühle neu. Seit seiner Ernennung spricht ihr künstlerischer Leiter Roger M. Buergel wieder von Werten wie Schönheit und Klassizität, die in der Kunst der letzten Dekaden auf der Strecke geblieben seien. Um die Trias idealistischer Ästhetik zu komplettieren, macht er einen Begriff von Antike wieder hoffähig, der auf große kulturelle Kontinuitäten setzt. Die Zitierweisen zeitgenössischer Künstler – noch vor zehn Jahren als postmodern bezeichnet – mit der Antikenrezeption in Verbindung zu bringen, daraus spricht eine neobourgeoise Haltung: Nach den Herausforderungen von Globalisierung und Kulturkampf beruft sich auch die Kunst wieder auf abendländische Werte.

Offenbar sieht sie ihre vornehmste Aufgabe nicht mehr in der Infragestellung, sondern in Identitätsstiftung. Erfolgreiche junge Künstler widmen sich ungezwungen Themen, die noch vor wenigen Jahren fast tabu waren. Wenn sie sich nicht auf Familientraditionen berufen, holen sie die Ästhetik ihrer Jugendzimmer oder andere adoleszente Horrorvisionen in den Ausstellungsraum. Garniert mit ein paar kunstgeschichtlichen Verweisen – oder auch nur mit Retro-Ästhetik – bringen ihre Arbeiten Spitzenpreise im Kunsthandel ein. Und dieser neue Trend in den Galerien verrät auch einiges über die gewandelten Bedürfnisse der Kunden.

Es ist viel über die neuen Sammler geschrieben worden, die mit kleinen Beträgen und großem Ehrgeiz ihre Sammlungen aufbauen. Im Eröffnungsrummel der Berlin-Biennale trat diese zerstreute Gruppe zum ersten Mal kollektiv in Erscheinung. Was sich sonst punktuell auf Einzelgalerien verteilt, sieht plötzlich aus wie die Lobby eines ganzen Unternehmens: junge, elegant gekleidete Großstädter, die Kunst ebenso genießen wie das Blättern in einer Modezeitschrift. Auf der Kunstmeile Auguststraße konnte man flanieren wie in der Modestrecke eines Trendmagazins. Wo früher vornehmlich Kunststudenten die Eröffnungen Berliner Ausstellungen bevölkerten, prägt nun jener Bobo genannte bürgerliche Bohémien die Szene – eine Entwicklung, mit der Berlin an andere Kunstzentren wie Paris, London oder New York anschließt.

Sicher ist dieser neokonservative Umschwung in anderen Metropolen spürbarer als im liberalen Berlin, wo die Kuratoren der Berlin-Biennale Bedingungen vorfanden, die anderswo schon lange nicht mehr existieren: vielfältige Ausstellungs- und Publikationsmöglichkeiten, unabhängige Projekträume. Paradiesische Zustände – die von den Alp(t)räumen der Ausstellung konterkariert werden.

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