Kultur : Die zweite Haut der Gegenwart

295 Zuschauerplätze, 132 Hubpodien: Heute wird Peter Kulkas Werner-Otto-Saal im Berliner Konzerthaus eingeweiht

Jürgen Tietz

Im Aufwind der Wiedervereinigung haben fast alle prominenten deutschen Architekten ein Gebäude in Berlin abgeliefert. Einige besser, andere schlechter. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Peter Kulka, obwohl sich die Qualität seiner Bauten durchgängig auf allerhöchstem architektonischem Niveau bewegt, wie beim sächsischen Landtag in seiner Geburtsstadt Dresden oder der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst. Nun hat der Kölner endlich doch in Berlin gebaut: Schinkels Schauspielhaus am Gendarmenmarkt hat er zu einem neuen Proben- und Konzertsaal verholfen, der am heutigen Montagabend in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters eröffnet wird.

Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, ist heute lediglich die Fassade des Gebäudes noch halbwegs echter Schinkel. Im Inneren gibt sich das Konzerthaus dem freien Spiel der Architekturassoziationen hin. Diesem gelegentlich allzu schwülen Charme hat Kulka jetzt ein modernes, passgenaues Kastenimplantat entgegengestellt, das den alten Probenraum aus DDR-Zeiten ersetzt. Der Übergang könnte nicht dramatischer sein. Statt Pilaster, Säulen und Dekor begegnet man einer reduzierten Architektur, die sich wie eine zweite Haut an die alten Wände schmiegt.

Keine Frage, der überraschend große Saal, der bis zu 295 Besuchern Platz bietet, ist eine einfache und trotzdem raffinierte Kiste. Das fängt schon beim Fußboden an: Der besteht nämlich aus 132 Hubpodien, deren Metallrahmen das dunkelbraune Eichenparkett in Rechtecke einfassen und dem Raum ein rhythmisches Raster verleihen. Aber auch funktional sind die Podien das Kernstück. Sie ermöglichen es, dem Boden nahezu jede gewünschte Modulation zu geben: ob steil oder sanft ansteigend, ob als Amphitheater oder als ebene Fläche, ob Bühne rechts oder Bühne links – ganze Bühnenlandschaften sind hier denkbar.

So flexibel wie der Fußboden ist auch die Wandgestaltung, die aus dunkelgrauen, nahezu schwarzen Holzpaneelen besteht. Sie sind nicht nur für die Akustik unverzichtbar. Mit ihnen können auch die Außenfenster abgedunkelt werden. So verwandelt sich eine Konzert- und Probensituation binnen Minuten in eine konzentrierte Black Box, einen fast hermetisch in sich ruhenden Raum, den durch die strenge Reduktion der Elemente eine kraftvolle Stille prägt.

An der Decke befindet sich ein lichtdurchlässiges Metallgitter, hinter dem die Beleuchtungstechnik angebracht ist, was den Werkstattcharakter des Saales unterstreicht. Für Farbe sorgt die Bestuhlung, die sich leuchtend von den dunklen Wandflächen abhebt. Kulka hat fünf verschiedene rosa, lila und orange-Töne ausgesucht. Flirrend bunt scheinen die Stühle nun im Raum zu schweben. Das wirkt ebenso frisch wie zeitlos.

In erster Linie als Probenraum des Berliner Sinfonie Orchesters gedacht, sollen hier auch das Forum für zeitgenössische Musik, Lesungen und Theaterstücke stattfinden. Rund 4,5 Millionen Euro hat der Saal gekostet. Soviel Geld war in der bankrotten Hauptstadt nur dank des privaten Engagements von Versandhauskönig Werner Otto aufzubringen. So trägt der Einbau – nach amerikanischem Vorbild – den Namen seines Hauptfinanziers. Nun steht der Bau eines neuen Foyers an, für den Kulka ebenfalls einen Entwurf lieferte. Im Gegensatz zum zu groß geratenen Kammermusiksaal am Kulturforum hat Berlin im Konzerthaus eine Wunderkammer, die in ihren Abmessungen tatsächlich dem Charakter einer „Kammer“ entspricht.

Tag der offenen Tür am 11. Mai

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