Kultur : Dienst quittiert, Pointe frisiert

Murat Topal ist Polizist, Türke und Kabarettist: Wie er auf Sonderurlaub zum Star werden will

Jan Oberländer

Eine bunte Straße in Kreuzberg. An der Ampel singt ein Fahrradfahrer laut den Türkpop aus seinem Walkman mit, struppige Tätowierte laufen durchs Bild, Frauen mit Kopftüchern, Mädchen in Trägertops, Schulkinder.

Noch vor ein paar Monaten war das Murat Topals Kiez, hier ist er im Polizeiwagen Streife gefahren. Er kennt auch die hässlichen Ecken im „Abschnitt 53“, die Dealer vom Hermannplatz, die Junkies vom Kottbusser Tor. Im Mai aber hat der 30-Jährige einen Schnitt gemacht. Hat unbezahlten Sonderurlaub genommen, zunächst für ein Jahr. Nicht, weil er genug hatte von seinem Beruf, sondern, um davon zu erzählen: Topal ist Comedian. „Ich bin Murat Topal“, stellt er sich auf der Bühne vor, „komme aus Berlin, bin Türke – und Polizist.“ Er zögert, dann schiebt er die Pointe nach, die seine Besonderheit markiert: „Polizist? Ich dachte, Türke!?“

Wie Topal im hellblauen T-Shirt am Tisch sitzt und von Nachtschichten und 1.-Mai-Krawallen erzählt, wirkt er nicht wie ein Profi-Witzemacher. Der Polizeiobermeister kann es nicht verbergen: Er nimmt seinen Job als Freund und Helfer sehr ernst: „Man lernt viel über das Leben“, sagt er. Dabei sei er keiner, der gleich die Handschellen raushole, eher einer, der auf Vermittlung setze, der die Leute „lahmquatscht“. Nicht die schlechteste Eigenschaft für einen Comedian.

Er ist in Neukölln aufgewachsen, eine „Hinterhofkindheit“, die Mutter ist Deutsche, sein Vater kam in den Siebzigern als Gastarbeiter nach Berlin. „Meine Eltern haben versucht, mich anständig hinzubekommen“, sagt er. Bis jetzt scheint das funktioniert zu haben: Abitur, Polizeiausbildung, Rettungssanitäterschein. Ob ihn sein Beruf zum Vorbild mache für Integration und Multikulturalität? „Ich würde mich geehrt fühlen.“ Einer Nationalität eindeutig zuordnen mag er sich nicht. „Bei der Fußball-WM war ich für Deutschland, aber den Türken habe ich es mehr gegönnt.“ Am wichtigsten sei es doch, miteinander auszukommen.

Seine Linsensuppe bestellt Topal auf Türkisch, der Wirt erkennt ihn erst auf den zweiten Blick, er ist die Uniform gewohnt. Der Kollege vom Streifendienst dagegen, der mit Stift und Strafzettelblock am Straßenlokal vorbeikommt, bleibt sofort stehen. Der Handschlag ist fast eine Umarmung, schließlich hat man noch vor kurzem zusammen Dienst geschoben. Kurzes Geflüster, Topals Auto steht im Halteverbot, er war spät dran. Der Kollege grinst, notiert sich das Kennzeichen. Dann geht er weiter.

Nach fünf Jahren bei der Polizei, erzählt Topal, habe er „eine neue Herausforderung“ gebraucht. Beim Sondereinsatzkommando, seiner Traumtruppe, wurde er nicht zugelassen, „weil ich eine Sehhilfe benötige“. Und so gab er dem „ausdauernden Drängen meiner Familie, Freunde und Kollegen“ nach und begann, sein komödiantisches Talent zu pflegen. Ein Jahr besuchte er eine Stunt- und Schauspielschule, nahm an einem Comedy-Intensiv-Seminar teil. Und plötzlich, nach seinem unvergesslichen ersten Auftritt in der Scheinbar im Februar 2004, ging alles ziemlich schnell: Bald stand Topal im Kookaburra Club und im Quatsch Comedy Club auf der Bühne, war schon nach drei Monaten live beim „Comedy Hot Shot“- Wettbewerb auf Pro7 zu sehen. Im Mai und Juni 2005 bespielte er mit seinem ersten Soloprogramm „Getürkte Fälle“ die ufa-Fabrik Tempelhof, vor durchweg ausverkauften Reihen. Die ursprünglich geplanten vier Wochen Spielzeit wurden auf sechs Wochen verlängert: für den Newcomer eine riesige Bestätigung. Viele Türken säßen allerdings nicht in seinem Publikum, offenbar seien die „nicht so die Theatergänger“.

Von türkischstämmigen Stand-up-Comedians wie Kaya Yanar („Was guckst Du?“) oder Bülent Ceylan unterscheidet sich Murat Topal dadurch, dass er nicht als Kunstfigur ans Mikrofon tritt. Er sieht sich nicht als „Ethno-Komiker“, höchstens in dem Sinne, dass er mit viel Körpereinsatz und erstaunlicher Bandbreite an Sprechweisen ein so genau wie liebevoll beobachtetes Panorama unterschiedlichster Großstadtfiguren vorstellt, inspiriert von „authentischer Erfahrung“, das ist ihm wichtig. „Unsere Leute vom Kotti“ sind da genauso vertreten wie der türkische Gemüsehändler, der schwarze Trommler im Park („Police always want to see my Au’weis!“), der betrunkene Transvestit und der Student mit Hanfplantage. Auch Topal demontiert dabei keine Klischees, er denunziert aber auch niemanden. „Murat Topal weiß, wovon er spricht!“, schreibt eine Show-Ankündigung, und das nimmt man dem Comedy- Cop ab, der als Bühnenfigur so sympathisch wirkt wie die skurrilen Typen, die er nachmacht. Wenn auch nicht jede Pointe zündet, ist Topals Show witzig und unterhaltsam, weil sie nicht glatt ist, sondern persönlich. Das Etikett „Reality- Comedy“ bringt Topals Verfahren auf den Punkt: Bisweilen sind die Figuren so real, dass Polizeikollegen im Publikum ihre Pappenheimer wieder erkennen.

Trotz allen Erfolgs ist es beruhigend für den Comedian, die Sicherheit des „Beamten auf Lebenszeit“ im Rücken zu haben. Auch wenn „das Herz an der Bühne hängt“, werde er „immer ein bisschen Polizist bleiben“. Zurück auf Streife zu gehen, kann Topal sich aber nicht vorstellen. Dazu hat er zu viel vor: Sein Sonderurlaub hat gerade erst angefangen, der Terminkalender ist voll. Topal verabschiedet sich mit Handschlag, steigt in seinen klapprigen Ford. Unterm Scheibenwischer steckt kein Knöllchen.

Murat Topals Programm „Getürkte Fälle – Ein Cop packt aus“ am 19. und 20. September, 20 Uhr 30, ufa-Fabrik (Tempelhof, Viktoriastr. 10–18, Tel. 755030).

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