• Diese verträumte, verrückte, stille Stadt Eduard Gaertner war Berlins malender Chronist. Eine Ausstellung zeigt Fotos, die ihn inspirierten

Kultur : Diese verträumte, verrückte, stille Stadt Eduard Gaertner war Berlins malender Chronist. Eine Ausstellung zeigt Fotos, die ihn inspirierten

Michael Zajonz

Der Traum vom Spree-Athen: Schinkel, Hegel, die Brüder Humboldt, sie alle haben ihn geträumt. Eduard Gaertner ist zum malenden Chronisten dieser in Schinkels Bauten materialisierten Traumstadt geworden. Rund 45 Jahre, bis zu seiner Übersiedelung nach Flecken Zechlin bei Neuruppin 1870, hat der gelernte Porzellanmaler seiner Vaterstadt malend die Treue gehalten. Wie alle große Kunst der Biedermeierzeit bergen Gaertners Stadtansichten unter geglätteter Firnis Spannung und Kraft.

Gaertner, der Maler und Zeichner, ist 2001 gefeiert worden: in einer glänzenden Retrospektive des Stadtmuseums im Ephraim-Palais. Schon damals hingen zwischen seinen leuchtenden Veduten ein paar Fotografien aus einer Mappe, auf die die Kuratoren bei Nachfahren des Künstlers gestoßen waren. Zwischen 2004 und 2006 konnte das Konvolut mit Mitteln der Klassenlotterie, der Kulturstiftung der Länder und der Stiftung Preußische Seehandlung erworben werden.

Nun wird das Kleinod erstmals geschlossen ausgestellt. Und die Sensation ist perfekt: Unter 77 Abzügen fand sich das älteste bisher bekannte Berlin-Foto auf Papier (die bis dahin gebräuchlichen Daguerreotypien wurden auf polierte Metallplatten übertragen). Die Aufnahme eines unbekannten Fotografen zeigt Christian Daniel Rauchs Reiterstandbild Friedrichs des Großen im Festschmuck seiner Einweihung. Das patriotische Jubelfest fand am 31. Mai 1851 statt.

Was brachte den erfolgreichen Architekturmaler des Königs dazu, fotografische Stadtansichten von Berlin zu sammeln? Als Vorlagen für den mit der Camera obscura vertrauten Künstler können sie kaum gedient haben, auch wenn sich in einigen zarte Bleistiftlinien finden. Die Fotos sind in den 1850er und 60er Jahren entstanden, meist Jahrzehnte nachdem Gaertner dieselbe Szene gemalt hat. Fast wirkt es wie eine Rechtfertigung vor der Nachwelt: Schaut her, ich habe es schon früher so gesehen!

Wie sich die Bilder gleichen. Gaertners auffällige Tiefenstaffelung, seine Lieblingsmotive: Unter den Linden, das Schloss, die Lange Brücke mit Schlüters Denkmal des Großen Kurfürsten, der Gendarmenmarkt – all das findet sich auf den Fotografien aus seinem Besitz wieder. Was dort, wie auf vielen frühen Fotografien, beinahe völlig fehlt, sind Menschen und Wolken: zu schnell für Belichtungszeiten von bis zu 30 Minuten.

Gaertner besaß – ungewöhnlich genug – fast ausschließlich nicht signierte, undatierte, unbeschnittene, unretuschierte und nicht auf Karton montierte Rohabzüge. An den Rändern zeigen sie oft Streifen oder Flecken. Sie rühren von der Abnutzung der Glasnegative her und wären an für den regulären Verkauf bestimmten Exemplaren nicht mehr zu finden.

Durch Bildvergleiche mit signierten Fotos anderer Sammlungen lässt uns Ausstellungskuratorin Ines Hahn am Puzzlespiel der Kunstwissenschaft teilhaben. Viele von Gaertners Fotos sind inzwischen zugeordnet: an Leopold Ahrendts, der mit Gaertner bekannt war. Oder an F. Albert Schwartz, der heute ungleich bekanntere Fotograf. Er hat in seiner Frühzeit – auch das eine Überraschung – Fotos von Ahrendts reproduziert. Urheberrechtlich geschützt wurden Fotografien in Deutschland erst ab 1876.

Es waren nicht nur Maler, die sich mit der Fotografie auseinandersetzen mussten. Alexander von Humboldt sah in ihr ein Vehikel der Wissenschaft – und betonte ihren ästhetischen Eigenwert. 1839 lobt er „Gegenstände, die sich selbst in unnachahmlicher Treue malen; Licht, gezwungen durch chemische Kunst, in wenigen Minuten bleibende Spuren zu hinterlassen, die Contouren bis auf die zartesten Teile scharf zu umgrenzen.“

Das Licht malen lassen: Hat der alternde Gaertner – wie viele Stadtbildmaler und Zeichner seiner Zeit – auch selbst zu fotografieren begonnen? Eine um 1860 entstandene Stereoskopaufnahme mit Mitgliedern der befreundeten Familie March wird Gaertner traditionell zugeschrieben. Das Bildchen ist wohlkomponiert – doch weit entfernt von technischer Könnerschaft.

Die Architekturfotografien seiner Sammlung sind von anderem Format. Sie zeigen neben Aufnahmen aus dem Umland ein Berlin, das beinahe vollständig untergegangen ist. Zu den königlichen Prachtbauten gesellen sich die Häuser der Bürger, die vom Abriss bedrohte Gertraudenkirche, Lastkähne auf der Spree, eine Fabrik auf der grünen Wiese. Auf braunstichigen Foto-Miniaturen wirken selbst Schinkels Neubauten angegilbt. Man muss kein Nostalgiker sein, um diese verträumte, stille, merkwürdig entrückte Stadt zu lieben. Michael Zajonz

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 12. November. Katalog 14,90 Euro. Zur Langen Nacht der Museen ist die Ausstellung heute (Sonnabend) von 18 bis 2 Uhr geöffnet, Vortrag zur frühen Berlin-Fotografie 19 und 21 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben