Kultur : Diese Woche auf Platz 22 Kelis

„Milkshake“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

Das Wort ist um die Welt gegangen – selbst die „Hindustan Times“ berichtete letzte Woche über „Nipplegate“. Mit „Nipplegate“ ist jener Auftritt beim Super-Bowl gemeint, bei dem Janet Jackson ihre rechte Brust entblößte. Aber das wissen Sie ja. Schwer zu sagen, was peinlicher war: Jacksons Fahrradritzelartiger Intimschmuck, das Gerede von der „Garderobenfehlfunktion“, die Umstände der Zurschaustellung oder die Reaktion der amerikanischen Öffentlichkeit. Unter Berufung auf den Jugendschutz geht in den USA bekanntermaßen so einiges. Kinder können im Fernsehen Kettensägenmassaker ansehen und Jugendliche sich in der Armee umbringen lassen. Aber beim Anblick einer nackten Brust fliegen den Puritanern sämtliche Sicherungen raus. Solche Erregungszustände können im Zusammenspiel mit den übrigens bei der gleichen TV-Übertragung beworbenen Potenzmitteln sehr gefährlich werden.

Offensive weibliche Sexualität hat es in einem solchen Klima schwer. Das hat schon Madonna erlebt und auch Kelis, deren zweites Album in den USA gar nicht erst erschien, bekam es zu spüren. In Europa dagegen wird die 24-jährige New Yorkerin zur willkommenen Abwechslung im Mainstream-geföhnten R’n’B. Mit dem Song „Milkshake“, aus ihrer dritten CD „Tasty“, zeigt sie einmal mehr, was sie so alles mit der Muttermilch aufgesogen hat. Der rhythmische Unterbau stammt in diesem Fall von den Neptunes, jenem Duo, das momentan den global genormten Britney-Justin-Christina-Aguilera-Sound produziert. Für „Milkshake“ aber haben die Neptunes sich auf einen schön-dumpfen, neoprimitiven Beat ohne die genreüblichen Zucker-Additive beschränkt. Geradezu Low-Fi für ihre Verhältnisse.

„Milkshake“ ist durchaus als Metapher auf wogende Boobs zu verstehen. Selbige schüttelt die offenherzig dekolltierte Kelis äußerst lässig. Das Video spielt in einer ziemlich aufgeheizten gastronomischen Atmosphäre und lässt keine Gelegenheit aus, runde Lebensmittel wie Brötchen oder Spiegeleier, paarweise angeordnet zu zeigen. Auch die durch den Laden spritzende Milch ist nicht gerade ein unschuldiges Assecoire. Hübsch albern, das. Und mal wieder ein Beleg dafür, dass implizite Reize manchmal besser wirken als explizite. Insofern hat auch der Puritanismus seine guten Seiten.

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