Kultur : Diese Woche auf Platz 66 Bernd, das Brot

„Tanzt das Brot“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

„Die Arme zu kurz, das Lied beknackt. Ein Elend im Viervierteltakt“ – Auch mit solch miesepetrigen Textzeilen kann man zweieinhalb Monate in den deutschen Charts bestehen. Und das ist gut so. Während sich selbst der Normalbäcker umme Ecke mit seinem SovitalKörnerSprossenFitness-Teiglingen zum Sportstudio aufgemotzt hat, nimmt sich Bernd, das Brot, die Freiheit, nicht auf dufte und dynamisch zu machen. Bernd ist ein klassisches Kastenweißbrot mit Tränensäcken. Er ist der Ansicht, das Universum sei „ein langer dunkler Tunnel“. Als Hobby sammelt er „besonders langweilige Steine“. Bernd ist ein Anarchist in der zwanghaft euphorischen Medienwelt. Er stammt aus Erfurt, ist also ein Ostbrot. Aber er vertritt sein – unser aller gesamtdeutsches – Grundrecht auf schlechte Laune.

Den Durchbruch verdankt das depressive Backwerk der Tatsache, dass es in den programmfreien Zeiten des Kinderkanals als Dauerschleife auch nachts läuft – und somit Zuschauer weit außerhalb der Zielgruppe erreicht. Bernd, das Brot, Briegel, ein Rhododendronbusch und „Stunt-Schaf“ Chili treiben ihre Späße meist nach folgendem Schema: Briegel und Chili wollen eine „tolle Sache“ ausprobieren. Einzige und dauermissbrauchte Testperson ist Bernd, dem die explodierenden Apparate zwar keinen bleibenden Schaden zufügen – der Stress aber ist ihm anzusehen. Bernd presst seine Sätze durch schmale Lippen hervor. Sätze wie: „Ich möchte jetzt gerne aus dieser Serie aussteigen" oder auch „Mein Leben ist die Hölle" und vor allem: „Mist!". Dass er dabei stoische Ruhe bewahrt macht Bernd auch zum Seelenverwandten für erwachsene Resignierte. Ein Stück Brot ist eben in uns allen.

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