Kultur : Diese Woche auf Platz 78 Tom Jones

mit „Mr. Jones“

Ralph Geisenhanslüke

HITPARADE

„Ich bin noch jung im Herzen, aber der Madison Square Garden schreit nicht, und die Plattenfirma schickt keine Stretch-Limo mehr.“ Vor solchen Zeilen sollten wir uns verneigen. Nicht Quincy, nicht Grace oder Ricki Lee – Tom Jones präsentiert uns Einsichten in das Altern eines Popstars. Aber Thomas Jonas Woodward wäre nicht der Tiger, würde dieser zweite Song auf seinem neuen Album nicht auch Selbstironie enthalten. Ähnlich wie seine Beschwerde in der Illustrierten „Bunte“, Frauen würden heute nur noch ungetragene Schlüpfer auf die Bühne werfen: „Eine Beleidigung.“ Jones ist unter den Croonern alter Schule sicher der Unpeinlichste. Mit seinen 62 Jahren kann er es sich sogar leisten zu rappen – wenn auch hart an der Schmerzgrenze. Wyclef Jean, der momentan allgegenwärtige Beatbesorger, hat ihm ein neues Sound-Kostüm geschneidert. Das sitzt wie ein solider Maßanzug: perfekt, aber auch nicht allzu gewagt. Kein Vergleich etwa mit Jones’ Lederdress-Version von „Kiss“.

Nachdem er in den letzten Jahren überwiegend Fremdmaterial gesungen und für sein letztes Album „Loaded“ ausschließlich Cover- und Promi-Duette aufgenommen hatte, bringt „Mr. Jones“ wieder Eigenstoff und zeigt Jones nicht nur als Ladykiller, sondern auch als Herold großer Breitwandballaden wie „The Letter“ oder der neuen Version seines 30 Jahre alten „I Who Have Nothing“. Nach Jahrzehnten im Geschäft könnte sich Jones genüsslich in seinem Testosteron suhlen. Doch er sucht das Wagnis.

Die Käufer danken es ihm offenbar nicht. Auf Platz 78 in die Charts einzusteigen – in seiner Liga ein verhaltener Start. Das wird sich vielleicht ändern, wenn im Januar Jones’ Remake des alten Leadbelly-Songs „Black Betty“ ausgekoppelt wird. Es ist schon 25 Jahre her, dass fusselige Hardrocker zu der Version einer Band namens Ram Jam die Haare schüttelten, die damit ein klassisches One-Hit-Wonder erlebte. Die Haare von Ram Jam waren damals nicht so sauber wie die Schlüpfer, die heute bei Tom Jones auf die Bühne fliegen. Whoa! Bam-ba-lam. Ralph Geisenhanslüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben