Kultur : Dieses Dach von Feindeshand

ARCHITEKTUR

Bernhard Schulz

Einst gab es den „Zehlendorfer Dächerkrieg“. Auf der einen Seite der Straße standen Häuser mit Flachdach, auf der anderen antworteten ebenfalls Neubauten, aber mit herkömmlichem Satteldach. Hüben baute Otto Rudolf Salvisberg, drüben Paul Schmitthenner . Als Konflikt von Moderne und Tradition ist der „Dächerkrieg“ von 1928 verstanden worden. Sachbezogene Argumente wie die Frage der Wärmedämmung spielten keine Rolle. Schmitthenner, dessen ästhetisches Vorbild Goethes Gartenhaus war, geriet in die rechte Ecke. Umso mehr, als er sich später den Nazis andiente. Dass sie ihn alsbald ausschalteten, weil er ihnen zu wenig monumental war, wurde übergangen. Schmitthenners der Tradition verpflichtete, doch zeitgenössischen Techniken keineswegs feindlich gesonnene Bauweise erlebte in der frühen Bundesrepublik eine begrenzte Renaissance; architekturideologisch blieb der Mann im Abseits.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt hat Schmitthenner unlängst eine Ausstellung gewidmet. Nun liegt das komplette Werkverzeichnis vor (Wolfgang Voigt (Hrsg.): Paul Schmitthenner 1884–1972. Wasmuth Verlag, 263 S., 49,90 €). Es zeigt sich, dass die „Schmitthennerei“, als die sein Werk abgetan wurde, durchaus Alternativen vorzuweisen hat; nicht bloß, weil seine Satteldächer wasserdicht sind. Das „unzeitgemäße Haus“ – so Schmitthenner 1926 selbstironisch – greift auf eine Tradition bürgerlichen Bauens zurück, die sich in Deutschland kaum entfalten konnte, weil sie ohne Fanfaren und Allüren daherkam. Wer in Berlin die Qualität seiner Baukunst erleben will, muss nur das Frühwerk der Gartenstadt Staaken besichtigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben