Digitalisierung in der Verlagsbranche : Amazon bringt E-Book-Singles auf den Markt

Amazon will jetzt auch in Deutschland "E-Book-Singles" herausbringen, kürzere Texte von namhaften Autoren. Sogar ein Verleger ist dafür bereits angeheuert. Nur äußern soll sich der über das Vorhaben noch nicht.

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Das Logo des Online-Buchhändlers.
Das Logo des Online-Buchhändlers.Foto: AFP

Die Idee ist nicht schlecht, aber auch wieder nicht so sensationell oder gar umwerfend neu. Kurze und mittellange Texte mit 5000 bis maximal 30 000 Wörtern digital zu veröffentlichen, als sogenannte E-Book-Singles. Genau das will der amerikanische Online-Buchhandel- und Versandriese Amazon jetzt in Deutschland tun, unter dem Label „Kindle Singles“. Die gibt es in den USA schon seit drei Jahren, stammen von Autoren wie Stephen King, Margaret Atwood, Jon Krakauer, Niall Ferguson oder Simon Winchester, kosten zwischen ein und zwei Dollar und sind, zumindest laut Amazon, enorm erfolgreich. Von bisher 4,5 Millionen verkauften Exemplaren seit dem Start ist die Rede.

In den USA gehören die Kindle-Singles zu der stetig größer werdenden Verlagsgruppe von Amazon, neben Labels wie Amazon Crossing, Amazon Encore, dem von Amazon übernommenen Sci-Fi-Verlag Avalon Books oder auch der „Kindle-Direct-Publishing“-Plattform (KDP), auf der Autoren ihre Bücher direkt publizieren und verkaufen können. Mit den Kindle-Singles tritt Amazon nun auch in Deutschland erstmals als Verlag in Erscheinung – und hat dafür 40 englischsprachige Kurztexte übersetzen lassen, darunter Kurt Vonneguts Novelle „Grundausbildung“, Karin Slaughters Thriller „Der Parasit“ und Jeff Jarvis’ Essay „Gutenberg der Nerd“. Gleichzeitig hat Amazon zum 1. September einen Verleger und Herausgeber für originäre deutsche Singles eingestellt, den einstigen Suhrkamp-Lektor und zuletzt als Programmleiter für internationale Literatur beim DuMont Verlag wirkenden Laurenz Bolliger.

Natürlich würde man sich gern mit Laurenz Bolliger über seinen neuen Job unterhalten. Gesprächsbedarf und offene Fragen gibt es bei so einem Projekt ja genug, auch weil Bolliger bislang am konsequentesten die Seiten gewechselt hat: vom klassisch analogen ins rein digitale Fach gewissermaßen. Und dann auch noch zu Amazon, einem Unternehmen, das mit seiner ganzen Marktmacht und seinen geschlossenen Verlags- und Vertriebskreisläufen dem stationären Buchhandel und den Verlagen das Wasser abzugraben und auch die deutsche Buchpreisbindung auszuhebeln versucht.

Aber vor allem, weil man gern wissen würde, welche Texte von welchen deutschsprachigen Autoren Bolliger so vorschweben, ob diese mehr unterhaltender oder literarisch avancierter Natur sein sollen, ob er mehr an politische, philosophische oder naturwissenschaftliche Essays denkt, wie es sich mit der Exklusivität, den Rechten und den Honoraren verhält (dürfen die Autoren ihre Texte später in gedruckter Fassung bei ihren angestammten Verlagen herausbringen?), was die Vorteile dieser Art des digitalen Verlegens sind etc.

Das Problem ist nur, dass man sich mit Bolliger zwar zum lockeren Plausch verabreden kann, eine Anfrage für ein offizielles, dann auch in der Zeitung zu lesendes Gespräch aber an die Amazon-PR-Zentrale in München gestellt werden muss. Und die hält so ein Gespräch zu einem vermeintlich so frühen Zeitpunkt für keine gute Idee. Bei Amazon glaubt man, dass eine Unterhaltung in einem halben Jahr, am besten zur Leipziger Buchmesse, „aufschlussreicher“ sein könnte. Bis dahin habe sich viel getan und Herr Bolliger könne dann über „konkrete Projekte“ sprechen.

Man ist verwundert und fragt sich bei so einer Antwort, ob denn das Verlegen von deutschen Kindle-Singles als „Projekt“ nicht konkret genug ist, um auch darüber reden zu können? Ob das Ganze womöglich noch nicht ausgereift ist? Höchste Geheimhaltungsstufe? Oder stellt man sich bei Amazon vor, über einzelne Texte zu reden, auf dass deren Qualität auch aller Welt mitgeteilt werde?

Beruhigend ist dann nur, dass Amazon kein Patent auf die Idee mit den Singles hat und etablierte Zeitungsverlage und Verlags-Start-ups ebenfalls Mini-E-Books veröffentlichen. Oder auch, man glaubt es kaum, ein analoger Verlags-Dinosaurier wie Suhrkamp mit seiner „Edition Suhrkamp Digital“, die es seit 2011 gibt. Als „kurze, aktualitätsbezogene, thesenstarke Bände, Manifeste, Langreportagen, Dossiers und Features“ bewarb Suhrkamp diese Texte damals, in Form von E-Books – und natürlich auch noch gedruckt.

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