Kultur : Diktatur im Depot

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Der Kontrast zwischen den Werken im Treppenhaus und den Ausstellungsräumen ist auffällig. Dort Plakate der Künstlerinitiative „Vereinigung zur Förderung der demokratischen Kultur Chiles", hier Arbeiten von zeitgenössischen chilenischen Künstlerinnen. Die Plakate von 1973, als der Versuch eines demokratischen Sozialismus unter Salvador Allende vom Militär unter General Pinochet blutig unterdrückt wurde, bilden ein historisches Geleit. Die sechs Künstlerinnen, geboren um 1960, erlebten jene Zeit als Kinder. Sie leben in einem Land, das sich mühsam von den Folgen der Diktatur befreit.

„Correspondencias" heißt eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit zwischen der chilenischen Botschaft in Berlin, der Universität der Künste, der Karl-Hofer-Gesellschaft und dem Kunstamt Tempelhof-Schöneberg entstand. Die Konfrontation zwischen Plakaten und Bildwerken verdeutlicht, dass sich die Kontexte, aus denen sie heraus entstanden sind, gewandelt haben. Damals definierten Parolen, wehende Fahnen und geballte Fäuste eine politische Solidaritätskunst, die das Bild von der chilenischen (Exil-)Kunst prägte. Die Kunst des jungen Chile verdrängt diese Tradition nicht, aber sie entsteht in einem internationalen Kontext.

Für die sechs chilenischen Künstlerinnen ist die Vergangenheit nicht vergangen. Sie ist in versteckter Weise präsent, in Gegenständen, Fundstücken, Anordnungen. Beatriz Bustos setzt aus alten Filmstücken ein Videoband zusammen. Fähnchen schwingende Mädchen in Schuluniform, eine Hochzeit und zerstörte Häuser in verschwommenen Aufnahmen: fragmentarische, schmerzende Erinnerungen. Josefina Fontecilla benutzt Stofftapeten aus dem Landhaus ihrer Familie. Die vom Licht gezeichneten Gegenstandsschatten sind im Triptychon „Delirien" in gleichmäßige Karomuster überführt.

Die auf Klapptischen aufgestapelten Fotografien zum Mitnehmen von Josefina Guilisasti erinnern an die Aktionen von illegalen Strandbesetzern. Holzhütten warten auf die alljährliche „Sommerinvasion". Catalina Donoso zitiert das Medium Depot. Auf drei Rollen werden Fragmente alter Gemälde, Ausdruck gediegenen Bürgertums, archiviert und vorgeführt. Elisa Aguirre stellt ihre an der Wand aufgereihten Objekte aus Restmaterialien her: Holz, Metall, Gummi, Knochen. Die fünf Schaltkreise von Isabel del Río lassen bei Knopfdruck spanische Verben hören, die in Elektronik wie Alltag vergleichbare Bedeutungen haben: verknüpfen/löten zum Beispiel. Auch die Künstlerinnen verknüpfen - und suchen nach verdrängten Sinnzusammenhängen. Michael Nungesser

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6-7, bis 14. Juli; Di bis So 14-19 Uhr; Katalog 3 €.

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