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Documenta : "Die Chinesen kommen"

23.05.2007 12:17 Uhr

Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei bringt 1001 seiner Landsleute für einen märchenhaften Menschenversuch nach Kassel. Für eine Konfrontation der Kulturen und der Gegenwartskunst mit dem einfachen Leben.

Peking - "Es ist nicht nur ein Symbol, dass die Chinesen kommen, sondern es ist wirklich so", sagt Ai Weiwei. "Unser Projekt macht sich direkt das Leben des Menschen zu Nutze, seine Vorstellungskraft, Furcht, Hoffnungen und sein Bewusstsein. Es ist der Rohstoff und das Ergebnis zugleich", sagt der 50-Jährige in seinem Studio im Pekinger Künstlerbezirk Caochangdi nahe der Flughafenstraße, wo Mitarbeiter die Telefone bearbeiten, um das Märchen wahr werden zu lassen.

Mit drei Millionen Euro ist "Fairytale" vielleicht eine der teuersten Kunstaktionen der Welt. Jeweils 200 der 1001 Chinesen werden für eine Woche nach Kassel gebracht - unter ihnen Bauern, Lehrer, Studenten, Künstler, Polizisten oder sogar Angehörige der in den Bergen lebenden Dong-Minderheit aus Guangxi in Südchina.

"Es ist wie ein Märchen, eine solch unmögliche Sache möglich zu machen", sagt der Künstler mit dem Vollbart, der zu den Gründungsvätern der chinesischen Avantgarde gehört. Ein paar der Dong-Frauen mussten für den Passantrag sogar erstmals einen eigenen Namen wählen, weil sie nur nach ihren Ehemännern oder Söhnen benannt waren.

Die Idee kam bei einer Wanderung

"Ich denke bei meinen Werken immer darüber nach, wie unterschiedliche Wertvorstellungen aufeinander prallen", sagt Ai Weiwei, der in seinem Studio neben dicken Baumstämmen eine antike chinesische Vase mit einem Coca-Cola-Schriftzug stehen hat. Nach der Einladung zur documenta habe er etwas machen wollen, "was noch mehr mit Sozialisierung und Universalität zu tun hat als meine früheren Arbeiten." Die Idee sei ihm bei einer Wanderung mit seinem Freund, dem Schweizer Kunstsammler und Ex-Botschafter in Peking, Uli Sigg, in den Bergen gekommen. Auf Initiative seiner Schweizer Galerie gelang die Finanzierung durch die Leister und die Erlenmeyer Stiftung.

Es begann mit einem Aufruf über Ai Weiweis Internet-Blog. "Ich bekam 3000 Bewerbungen in nur drei Tagen." Er wählte 1001 aus, die dann 99 Fragen über Deutschland, Geschichte, Religion, Fantasie, Glück, Kultur und Kunst beantworten mussten. "Ich wünsche mir, dass sie sich innerlich vorbereiten." Dann wurden Pässe, Visas beantragt, Flüge organisiert. "Das ist das ganze Werk. Es fängt nicht erst in Deutschland an." Ai Weiwei ist begeistert, mit welcher Leidenschaft sich alle auf das Abenteuer einlassen. "Sind sind reizend, ganz einfach", sagt Ai Weiwei. "Dabei kennen die mich gar nicht." 16 Filmteams, die besten Dokumentarfilmer Chinas und Deutschlands, zeichnen "jeden Punkt" auf, haben 1000 Stunden Interviews gedreht.

"Chinesen lieben harte Betten"

In Kassel wohnen die Chinesen in einer leer stehenden Fabrik von Volkswagen. Eigens wurden 250 Betten nach Hessen gebracht. "Chinesen lieben harte Betten", sagt Ai Weiwei. "Ich werde etwas kochen, wenn ich die Zeit habe." Als die 1001 Chinesen hörten, dass sie auf der documenta nicht einmal etwas machen müssen, "waren sie geschockt". Ai Weiwei äußert bewusst keine Erwartungen, "damit die Bedeutung des Projekts erkennbar werden kann". Nur eins fordert er: "Sie müssen nach China zurückkehren." Seine Landsleute sollen die Zeit genießen, obwohl es "hier nicht um eine einfache Reiseveranstaltung geht". Fragen nach dem künstlerischen Wert sind ihm egal: "Es ist nicht wichtig, ob es Kunst ist. Das Leben ist viel größer als die Kunst."

Schon die Vorfreude habe das Leben vieler Teilnehmer geändert. "Sie schreiben mir, dass ihnen ein Wunder geschehen ist. Dass sie die Welt bereits mit anderen Augen sehen. Dass sie schon anders denken", sagt der Künstler, der auch als Regisseur und Architekt arbeitet. Er hat das "Vogelnest" genannte, spektakuläre neue Olympiastadion in Peking mit entworfen. Einst hat er selbst vom Ausland geträumt. In der Kulturrevolution musste er in Nordwestchina aufwachsen, nachdem Mao Tsetung seinen Vater, den Dichter Ai Qing, nach Xinjiang verbannt hatte. Ob das "Märchen" mit seinem Leben zu tun habe? "Ja, ich denke sogar sehr viel", sagt Ai Weiwei. "Als ich in den 20ern war, bin ich buchstäblich aus China in die USA geflohen." Er hatte nie wieder zurückkommen wollen, kehrte aber 1993 nach zwölf Jahren heim, um an der Seite seines kranken Vaters zu sein, der drei Jahre später starb. (Von Andreas Landwehr, dpa)

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