Documenta : Lob der Krise

Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev über Brecht, Multitasking und Frauen an der Macht.

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Veteranin im Spiel der Kunst. Die Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Frau Christov-Bakargiev, im Hamburger Bahnhof hatten Sie gerade Ihren ersten Auftritt vor deutschem Publikum. Haben Sie die hohen Erwartungen gespürt?

Das Publikum kam in erster Linie wegen Janet Cardiff und George Bures Miller, deren Ausstellung eröffnet wurde. Natürlich gibt es Erwartungen. Aber ich bin Veteranin, was das „jeu d’autour“ betrifft, die Spiele drum herum. Dieses Theater der Kunstwelt stresst mich nicht. Meine Mutter war Friedensaktivistin und hat mich in meiner Kindheit in den USA immer zu Anti-Kriegs-Demonstrationen mitgenommen, als Führerin der Gruppe „Frauen kämpfen für den Frieden“ gab sie große Partys, bei uns war etwas los. Ich mag es, von vielen Leuten umgeben zu sein. Dabei entwickelt sich Energie.

Was hat zu Ihrer Wahl als Documenta-Macherin geführt? Mit welchem Konzept haben Sie sich vorgestellt?

Über ein Konzept kann ich nicht reden. Erstens wäre es unklug, dreieinhalb Jahre vorher darüber zu sprechen, zweitens wäre es eine Lüge. Das entwickelt sich im Lauf der Zeit. Der Faktor Zeit gehört zu den wesentlichen Bedingungen der Documenta. Ich glaube auch ans Unbewusste. Es muss eine Balance zwischen Absicht und Zufall geben, zwischen Konzept und Nicht-Konzept. Künstler arbeiten so, sie haben kein Skript wie Filmemacher.

Womit haben Sie die Jury überzeugt?

Die Jury bestand aus internationalen Profis, von denen mich die meisten kannten. Im Vergleich zu meinem Vorgänger bin ich keine Außenseiterin in der Kunstwelt. Das Schwierigste waren die divergierenden Kunstansichten der Jurymitglieder. Ich musste sie einerseits ermutigen, mir zu vertrauen, andererseits durfte ich nicht polarisieren. Ich mache mir ohnehin viele Gedanken über Publikum. In der Kunstwelt wird das Thema snobistisch abgetan. Dort wird das Publikum als eine dumpfe Masse gesehen, wie sie auch durch Shopping Malls getrieben wird. Aber eine Ausstellung ist keine Shopping Mall. Ein Grund, warum ich gewählt wurde, ist sicher die Art, wie ich Ausstellungen installiere und das Publikum sehe: nicht als numerische Größe, sondern als Gruppe von Individuen.

Welche Bedeutung hat es für Sie, nach Catherine David die zweite Frau als Documenta-Macherin zu sein?

Das hat für mich Bedeutung im Sinne der feministischen Idee einer Passage. Alles was ich mache, kommt von meiner Mutter. Auf eine Art bin ich schon meine Tochter. Es ist wie eine Kette. Ein Glied muss geschlossen werden, damit es sich fortsetzt. In dieser Kette gibt es keinen Anfang und kein Ende, nur Kontinuität.

Könnten Sie das genauer erklären?

Es gibt keine Autonomie des Subjekts. Neurowissenschaftler mögen das naiv finden, aber für mich sind Frauen genetisch besser geeignet, um mit dem digitalen Zeitalter klarzukommen. Sie beherrschen seit Jahrtausenden das Multitasking. Sie schaffen es, das Private und Öffentliche zusammenzuhalten. Das bedeutet: Wir können besser mit Blackberrys und I-Phones umgehen. Wir können mit jemandem im Büro verbunden sein, müssen uns aber nicht am selben Ort befinden. Das ist genetisch bedingt durch die Mutterschaft. Bei uns kann ein anderes Subjekt Teil unseres Körpers sein, ob es nun der männliche Partner ist oder der Fötus. Wir sind uns bewusst, nicht autonom zu sein. Wir wissen, dass wir Öffnungen haben, dass es kein Innen und Außen gibt. Diese Kontinuität von innen nach außen ist in der digitalen Welt essenziell.

Welche Rolle spielt die Documenta heute neben all den Biennalen?

Die Globalisierung hat eine Dezentralisierung der Kunstwelt verursacht, was 1973 mit der Sydney-Biennale begann. Es war die erste periodische internationale Ausstellung in der Asien-Pazifik-Region. Sie wurde zum Modell für alle anderen dortigen Biennalen: Kwangju, Yokohama, Schanghai, Singapur. Interessanterweise verantworte ich nach der Sydney-Biennale nun die weltweit bedeutendste Ausstellung aus westlicher Sicht. Die Documenta ist nicht nur eine Ausstellung, sondern ein Ort der Reflexion über die Kunst und ihr Verhältnis zur Welt. Diese Ambition haben Biennalen nicht.

Wie bereiten Sie sich vor?

Ich arbeite nie allein, sondern im Team. Ich halte es mit Adorno: Dass alles, was ich sage, Macht ist. Ich könnte eine Gruppe Kuratoren bilden, aber dadurch schaffe ich wieder eine hierarchische Struktur. Ich bevorzuge ein organisches System. Es wird eine Reihe von Gesprächen geben mit Leuten, die ich schätze. Man könnte sagen, dass ich mit Kuratoren zusammenarbeite, aber ich mag das Wort nicht. Es kommt von curare, heilen. Ich glaube nicht, dass ich mich um etwas Krankes kümmern muss. Das deutsche Wort Ausstellungsmacher gefällt mir besser.

Trotzdem stehen Sie an der Spitze.

Das stimmt, aber eigentlich sind es die Künstler. Von ihnen habe ich gelernt zu installieren. Die Künstler der Sechziger wollten die Trennung zwischen Werk und Publikum aufheben. Sie schufen Räume, in denen man Teil des Kunstwerks wurde im Brecht’schen Sinne. Die Ausstellung ist ein verlängerter Raum, der eine eigene Realität bildet. Das ist gerade jetzt wichtig, wo uns permanent Realität suggeriert wird, etwa beim Reality-TV, wo es letztlich nur um Kontrolle und Manipulation geht. Deshalb ist Brecht auch so wichtig zur Schaffung einer Anti-Falschrealität.

Welche Auswirkungen der Finanzkrise sehen Sie für die Kunst und die Documenta?

Wie die Welt 2012 aussieht, wissen wir nicht. Für die Kunst weiß ich genau: Schwierigkeiten waren für sie immer gut. Künstler sind sensible Geschöpfe, die sofort reagieren. Die Generation, die aus dem Zweiten Weltkrieg kam – Wols, Hartung, Klein, Burri –, schuf starke Werke. Man muss sich keinen Krieg wünschen, aber aus diesem Desaster heraus entstand unglaubliche Kunst. Die Krise hat Folgen für die Produktion. Aber anders als Filmemacher brauchen Künstler kein großes Team, sie sind wie Dichter, die ohne hohes Budget arbeiten können.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

Carolyn Christov-

Bakargiev (geb. 1958 in New Jersey) wird 2012 die Documenta 13 in Kassel leiten. Die alle fünf Jahre stattfindende 100-Tage-Schau gilt weltweit als wichtigste Ausstellung

zeitgenössischer Kunst. Die Tochter eines Bulgaren und einer Italienerin hat zuvor als Kuratorin am P.S. 1 in New York

gewirkt und leitet heute als Direktorin das Ausstellungshaus Castello di Rivoli in Turin. Im vergangenen Jahr leitete die Kunsthistorikerin, deren Spezialgebiet die Arte Povera ist, die

Sydney-Biennale.

Auf der Sydney-Biennale war auch die Audioinstallation The Murder of Crows von Janet Cardiff und George Bures Miller zu sehen, die nun im Hamburger Bahnhof

präsentiert wird

(bis 17. Mai).

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