Doku über David Lynch : Erst mal einen Kaffee

Die andere Seite des „Twin Peaks“-Regisseurs: Jon Nguyens geradliniges Porträt „The Art Life“ zeigt den Maler und Bildhauer David Lynch.

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Malen mit Papa. David Lynch mit seiner Tochter Lula.
Malen mit Papa. David Lynch mit seiner Tochter Lula.Foto: NFP

Vor zehn Jahren hatte der Filmemacher Jon Nguyen schon einmal mit David Lynch gefilmt, als er den Dreh zu dessen letztem Spielfilm „Inland Empire“ mit der Kamera begleitete. Nun hat Nguyen wieder mit dem Regisseur gearbeitet und ihn – finanziert durch eine Kickstarter-Kampagne – zweieinhalb Jahre lang immer wieder in seinen Wohn- und Arbeitsräumen in den Hollywood Hills besucht. Wie in einem riesigen Erwachsenen-Spielzimmer bastelt Lynch dort mit den verschiedensten Materialien an Gemälden oder dreidimensionalen Objekten, trinkt Kaffee und raucht. Und er spricht dem Filmteam nach und nach seine Version der ersten drei Lynch-Jahrzehnte ins Mikrofon.

Die steht nun als linear durchlaufende – nur durch wenige Erzählabbrüche markierte – Ton-Erzählung hinter den bewegten Bildern von Lynchs künstlerischer Arbeit. Eine echte straight story also, wie in Lynchs vielleicht untypischstem Film, der von der Traktorfahrt eines alten Mannes quer durch die Fly-Over-States erzählt. Geradlinig auch in dem Sinn, dass Lynch und Nguyen eine klassische Bildungsbiografie konstruieren, die den jungen David fast exemplarisch von einer glücklichen Kindheit über eine schlechten Freunden geschuldete Phase mentaler Düsternis in die nur von zeitweiligen Sozialphobien gestörte Künstlerlaufbahn führte. Ein richtiges Erweckungserlebnis gibt es auch, als der junge David erstmals das Atelier eines professionellen Malers (Bushnell Keeler, der Vater eines Schulfreundes) besuchte und darin gleich das Paradies entdeckte.

Der biografische Stoff ist wenig überraschend

Auffällig deutlich in Lynchs Erzählung (beziehungsweise Nguyens Montage) ist, dass Frauen darin nur als Mütter oder schmerzverzerrte Phantasmen vorkommen. Wirklich überraschend ist an dem durch viele Interviews geschliffenen biografischen Stoff wenig. Auch der Hinweis auf die trotz häufiger Umzüge zwischen Kleinstädten in Idaho, Washington und Virginia „super happy“ Kindheit in den 50er-Jahre-USA gehört ja zum festen Inventar der Lynch-Interpretation, wird hier aber mit einer Fülle von Familienfotos aus jener Zeit anschaulich sinnlich untermalt. Ungewöhnlich dagegen der gewählte biografische Ausschnitt, der den Titel „David Lynch: The Art Life“ so restriktiv ernst nimmt, dass er sich im Erzählten (fast) ganz auf die Zeit beschränkt, bevor der Maler Lynch aus einem – auch schon oft erzählten – Gefühl des Mangels sein Ausdrucksspektrum um Bewegung und Ton (und damit Film) erweiterte.

So endet Nguyens Film so überraschend wie konsequent, als Lynch mit einem Stipendium des American Institute Mitte der siebziger Jahre nach Los Angeles gehen und „Eraserhead“ drehen darf, sein legendäres Langfilmdebüt. Und „The Art Life“ schließt, kluger Kunstgriff, in einem großen Bogen die bildnerische Arbeit der frühen und späten Jahre vor und nach Lynchs filmischem Hauptwerk miteinander kurz. Dass der alte Lynch seine Bastelei im Atelier immer wieder für die Arbeit an den neuen „Twin Peaks“-Folgen unterbrochen hat, wird dabei unterschlagen. Die zusätzlich in rascher Folge allzu bewegt einmontierten Aufnahmen von Bildern und Skulpturen aus Lynchs Werk bleiben allerdings illustrative Füllmasse.
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