Dokumentarfilmfestival : Studiolicht für Schmuddelkinder

Tastversuche und Überwältigungsstrategien: Eindrücke vom Leipziger Dokumentarfilmfestival.

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Wo ist Mama? Szene aus „Vodka Factory“ von Jerzy Sladkowski, ausgezeichnet mit der Goldenen Taube. Foto: Dokfilmfest Leipzig
Wo ist Mama? Szene aus „Vodka Factory“ von Jerzy Sladkowski, ausgezeichnet mit der Goldenen Taube. Foto: Dokfilmfest Leipzig

1975 – Teile des Emdener VW-Werks sollten in die USA verlegt werden – begleitete der junge NDR-Redakteur Klaus Wildenhahn 27 Wochen lang Arbeiter und Betriebsratmitglieder für den Vierteiler „Emden geht nach USA“. Wildenhahns Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen nennt das die erste Dokusoap deutscher TV-Geschichte. Ein fünfter Teil versuchte, die Region auch diskursiv und historisch auszuloten und sprengte so den Rahmen des Direct Cinema, als deren deutscher Protagonist Wildenhahn gilt.

Als „Annäherung an eine norddeutsche Provinz“ 1976 in der ARD gesendet wurde, erhob sich ein Sturm öffentlicher Empörung, der darin gipfelte, dass die Filmemacher in einer spontan angesetzten Talkshow an den TV-Pranger gestellt wurden. Die Vorwürfe reichten von kommunistischer Hetze bis zur Empörung über den ungeputzten Herd eines Betriebsratskollegen. Auch die IG Metall äußerte sich gegen den Film.

Berichtet wird das in Quinka Stoehrs „Klaus Wildenhahn – Direkt! Public and Private“, der mit einer Hommage an den anwesenden Regisseur beim diesjährigen Leipziger Dokfestival präsentiert wurde. Beglückend nicht nur für den mittlerweile 80-jährigen, dass sich in Gesprächen und einer Meisterklasse ausgerechnet viele junge Festivalbesucher für seine Arbeiten begeisterten, die auch sonst Kinosäle und Foyers des lebendigen Festivals füllten. Heute wirken die Ereignisse von 1976 bizarr, auch deswegen, weil die Verhinderungsmechanismen im Vorfeld einsetzen und widerständige Arbeiten gar nicht erst produziert werden.

Letztes Jahr hatte Festivalleiter Claas Danielsen mit Kritik an solchen Formatierungen selbst einen Eklat ausgelöst. Dieses Jahr zeigte ein Streit um die vom Bundesfilmarchiv ausgerichtete Retrospektive einen anderen Schauplatz der Auseinandersetzung um das veröffentlichte Bild. Die Reihe mit militärhistorischen Filmen aus den Jahren 1914 bis 1989 sei von der Bundeswehr beeinflusst, so der Vorwurf der Festivalmacher. Am Ende einigte man sich auf die formelle Auslösung der Retro aus dem Programm des 53. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.

Dok und Animation: Sich nur einen annähernd repräsentativen Einblick in beide Sektionen zu verschaffen, macht schon die Größe unmöglich. Animierte Effekte zu historischem Archivmaterial gab es aber in „L'Empire du milieu du sud“ von Èric Deroo und Jacques Perrin zu bestaunen, einem aus visuellen und verbalen Mosaiksteinchen zusammengesetzten Streifzug durch die vietnamesische Geschichte. Das Archivmaterial ist überwältigend, auch im negativen Sinn: Denn die Bilder aus Krieg und Alltag werden als Bilderteppich missbraucht für eine Allianz aus Sound- und Visual-Design mit erst im Abspann ausgewiesenen Zitaten, vorgetragen von Perrins Märchenonkelstimme. Statt der frischen Luft der Erkenntnis wabert hier ein diffuser postkolonial traumatisierter Weltgeist. Manipulativ ist das nicht wegen der tendenziösen Absicht, sondern wegen der ästhetischen Überwältigungsstrategien. In einem Dokumentarfilmwettwerb macht so ein Film höchstens Sinn als Ansichtsexemplar marktüblicher Verirrungen.

Überzeugende Ideen und offen dargelegte Strategien waren dagegen im erfreulich starken deutschen Wettbewerb zu finden. Dabei haben sich die gern der Selbstbespiegelung und des Exotismus bezichtigten Filmemacher längst dem alltäglichen Leben zugewandt. Maria Speths „Neun Leben“ etwa, der junge Ausreißer vorstellt, die auf der Straße leben. Doch die bisherige Spielfilmregisseurin geht nicht an die Punker-Treffplätze am Breitscheidplatz oder dem Alex, sondern lässt ihre gepiercten Heldinnen und Helden ihre Geschichten professionell ausgeleuchtet im Studio erzählen und verdichtet das Ergebnis zu einer raffinierten Komposition in lichtem Schwarz- Weiß. So werden aus den Schmuddelkindern von der U-Bahn- Treppe erstaunlich klar artikulierende Jugendliche, die sich mit Überlebenskunst und Mut aus schwierigen familiären Verhältnissen befreien.

Auf leisen Sohlen kommt „How to make a book with Steidl“ von Gereon Wetzel und Jörg Adolph daher; ein unaufdringlich beobachtender Film, der den Verleger Gerhard Steidl porträtiert. Steidl druckt und verlegt handwerklich gestaltete Fotobände. Und er tut das mit einer Präzision und Leidenschaft, die von den beiden Filmemachern kongenial eingefangen wird.

Die beiden begleiten den quirligen Buchfetischisten durch den Göttinger Produktionsalltag und auf exakt durchgetimte Stippvisiten zu Künstlern in aller Welt und schaffen das Wunder, eine vollgestopfte Druckerei als Zauberreich zu gestalten. Dass diese Arbeit mit der Goldenen Taube des Deutschen Wettbewerbs prämiert wurde, würdigt mit Jörg Adolph endlich einen unterschätzten Filmemacher.

Auch beim Dokumentarfilm gibt es Genres. Immer wieder macht Filmemachern das Spiel mit ihnen Spaß. So macht der Gewinner des Internationalen Wettbewerbs („Vodka Factory“ unter der Regie von Jerzy Sladkowski) aus einem TV-Dokudrama-Stoff (böse Mutter verlässt Kind für Karriere) eine postsowjetische Milieustudie, die mit Geschick die Grenzen zwischen Dokumentarfilm und Fiktion umspielt.

Das Genre der erbaulichen Pastorale, das in keinem dokumentarischen Portfolio fehlen darf, war im Internationalen Wettbewerb durch die deutsch-rumänische Koproduktion „Close to Heaven“ (Regie: Titus Faschina) vertreten, einem Film, der das harte Leben einer transsylvanischen Schäferfamilie mit hochkonstrastierenden HD-Schwarz-Weiß-Bildern und spektakulären Panoramen in Szene setzt. Dumitru, Maria und Radu wirken wie Fremdkörper zwischen den production values ihres Films. Mancher mochte sich sehnsüchtig an Wildenhahns lyrisch verschmelzende Grautöne erinnern.

Es gab auch einen neuen Film, der sich dem Verlust von Arbeit und den damit einhergehenden Kämpfen widmet. In „Wadans Welt“ von Dieter Schumann ist es eine Wismarer Werft, die von russischen Investoren übernommen wurde. Neben einigen lakonischen Schweißarbeitern bestimmt dabei die riesige Halle mit ihrem Hektotonnen-schweren Gerät Ton und Rhythmus des Films. Schumann plant auch eine Tour durch ehemalige Werftstandorte im Norden, wo es reguläre Kinos oft nicht mehr gibt. Bis jetzt ist die IG Metall dabei noch mit im Boot.

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