Dokumentation : Bis dass der Geist euch scheidet

"Frau Walter Jens" in der Akademie der Künste: Die Uraufführung der Dokumentation war ausverkauft. Das Interesse am Thema Demenz und der Autorin lockt nicht nur jene, die Professor Jens als moralische Instanz verehrten.

Thomas Lackmann

Ein Unbehagen bleibt. Die Ehefrau formuliert es selbst. Das Publikum des Films, der ihr Leben an der Seite eines berühmten Kranken erzählt, widerspricht der 82-Jährigen; gelobt wird ihre Rede über eine Krankheit, die viele trifft. Inge Jens jedoch zweifelt. Ob sie genug Diskretion zum Schutz ihres Mannes bewahrt hat? Der Regisseur, sagt sie, konnte ihre Skrupel zerstreuen. Kein Vorwurf geht gegen den Sohn Tilman, der Anfang 2009 seinen „Abschied“ vom Vater für ein Buch verwertete und dessen Vergessen politisch deutete: als Flucht vor Fragen nach einer angeblich unterschlagenen NSDAP- Mitgliedschaft. Dissens mit dem Sohn sei ja erlaubt, lächelt die Mutter. In ihrer Autobiografie (2009) wird die Reduktion des intellektuellen Denkmals Jens nicht ausgespart. Ansonsten klingt das Gespräch in der Akademie der Künste eher so, als sei der Mann, von dem die Partnerin sagt, er sei nun ein „anderer“, unter der Erde. Aber Walter Jens lebt.

Die Uraufführung der Dokumentation war ausverkauft. Das Interesse am Thema Demenz und der Autorin lockt nicht nur jene, die Professor Jens als moralische Instanz verehrten. Thomas Grimme hat seinen Film „Frau Walter Jens“ vor allem aus drei Material-Strängen collagiert: ein Interview (2004) mit dem Paar, das gemeinsame Bücher noch 2003, 2005, 2006 publizierte; der letzte Auftritt des Walter Jens an der Seite seiner Frau, mit der er Mozarts Requiem kommentiert (2006); Besuche beim Patienten (2009). Texte zu Mozart werden mit Requiem-Passagen zur dramaturgischen Klammer. Drei Stadien der Persönlichkeit – der witzige, pointierte Jens; die Abschiedsvorstellung des Greises, der bald seinen Namen nicht mehr schreiben kann; der zu geistiger Kommunikation nicht mehr Fähige – erhellen und verdunkeln sich, krass montiert, gegenseitig. Auch Inge Jens verändert sich. Wenn sie zuletzt versucht, ihrem langjährigen Diskurs-Intimus das Erkennen alter Fotos abzutrotzen, spricht die Disziplinierte im Mutti-Ton.

Im Rahmen der AdK-Mitgliederversammlung und des Mauerfall-Jubiläums aufgeführt, würdigt der Film auch Jens, den Ost-West-Einiger: der als Fusions-Präsident der Akademie eine Alternative zum zynischen „Treuhand-Modell“ suchte. Inge Jens demonstriert, wie fair die Einheit zweier Partner aussehen kann. Im Film korrigiert sie harte Bezeichnungen, sagt: „traurig“ sei das passende Wort. Wo Mediziner aus dem Publikum jene therapeutische Zuwendung verklären, die der Patient Jens von Bauernhoftieren erfährt, rutscht der Gattin auf dem Podium dann doch die Situationsbeschreibung „schrecklich“ heraus. Horror des Totenreichs, intoniert durch Requiem-Pauken, stören die Illusion versöhnten Behagens.

„Frau Walter Jens“ handelt vom Wert des Menschen, von Erinnerung und Identität, vom Schrecken des Todes und der Liebe. Der ferne Blick des Walter Jens von der Terrasse, durch Gardine und Fenster in die Stube unseres Unbehagens, bleibt präsent. 

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