Kultur : Dolch muss sein

Postmoderne Gruppentherapie: Christoph Hagel mit Mozarts Oper „Titus“ im Bode-Museum

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„Titus“ ist der kleine, im Schatten stehende Bruder der „Zauberflöte“. Mozart schrieb beide Werke parallel in den Monaten vor seinem Tod im November 1791. Das eine machte eine strahlende Weltkarriere zur (nach „Carmen“) am häufigsten aufgeführten Oper überhaupt, das andere nicht: Im frühen 19. Jahrhundert populär, dann nur noch selten aufgeführt. Kein Wunder: Ein römischer Kaiser vergibt denen, die ihn umbringen wollten – was ist das schon gegen eine hysterische keifende Königin der Nacht und vor allem – gegen Papageno? Das Stück, dass sich der Mozart-Aficionado Christoph Hagel nun im Bode-Museum vorgenommen hat, benötigt also dringend Aufmerksamkeit.

Allein: Für Hagel sind Aufführungen immer auch Event. Einfach Oper spielen sollen andere. Aus „Cosi fan tutte“ im E-Werk machte er eine Hochzeitsshow im Unterschichtenfernsehen, zum „Wohltemperierten Klavier“ in der Neuen Nationalgalerie ließ er Breakdance tanzen, und Bach verschwand bei ihm unter elektronischer Bearbeitung. Mit „Titus“ führt er jetzt den Crossover-Gedanken weiter. Die Rezitative hat er durch neue Texte (Michael Illner) ersetzt und die wichtigsten Rollen mehrfach besetzt, mit Sängern, Schauspielern und Tänzern. Das ist fragwürdig. Das Profil der Figuren wird so nicht geschärft. Sesto etwa: Er steht, viel mehr als Titus, im Mittelpunkt. Er soll den Kaiser umbringen, der seit Jugendtagen sein Freund ist. Gesungen wird er vom Countertenor Robert Crowe, dargestellt von Constantin Lücke und zudem von den Balletttänzern Enno Kleinehanding (als junger Sesto) und Martin Buczkó, der mit sehnigen Verrenkungen die Zerrissenheit des Attentäters ausdrückt, aber so auch die Zerrissenheit der Szene vorantreibt. So wird der Abend zur postmodernen Gruppentherapie auf dem Laufsteg, in der die eigentliche Geschichte untergeht. Dass der Kern von Oper gerade in der Verschmelzung von Stimme und Spiel in einer Person besteht, verdeutlichen nur die Nebenfiguren, die ohne Schauspieldouble singen dürfen: Bernhard Hansky als Hauptmann Publio mit geschmeidigem Bass und Monica Garcia-Albea als Sestos Freund Annio. Sie hat einen großen Auftritt mit glasklarem Mezzo in ihrer Arie „Tu fosti tradito“.

Überhaupt rettet vor allem die Musik den Abend. Die hallige Akustik der Museums-Basilika kommt den Sängern, vor allem den Sopranen, viel mehr entgegen als den Schauspielern, die trotz Mikroports oft untergehen. Peggy Steiner singt die böse Vitellia, deren Machtgelüste die Ereignisse überhaupt erst in Gang setzen, mit fülligem Sopran, und auch die ihr zugeordnete Darstellerin Karolina Thorwarth überzeugt als schlangenäugige Femme fatale. Titus selbst zerfällt in drei Darsteller: Der neunjährige Felix Reimers als junger Titus, Kai-Ingo Rudolph als Sänger, der seinen kraftvollen lyrischen Tenor aus einem schönen dunklen Kern heraus entwickelt, sowie Matthias Unger: Er spielt einen väterlich-gelassenen, großherzigen Kaiser, in dessen tiefen Augen der Zweifel steht: „Liebst du mich nicht mehr, Sesto?“

Robert Crowe, der diesen Sesto singt, hat eine kräftige Counterstimme, die aber im Piano schnell brüchig wird und dann für Momente zu verschwinden scheint. Trotzdem wird seine Arie „Parto, ma tu ben mio“, in der sich Sesto Mut für das Attentat ansingt, zu einem Höhepunkt des Abends. Hagel legt am Pult der Berliner Symphoniker ein forsches Tempo vor, was aus dem Abend einen schlanken Hundertminüter macht, dem Klang nicht schadet und der Aufführung wenigstens orchestral Geschlossenheit verleiht.

Das Finale überrascht – und dann auch wieder nicht. Schon Mozart hat sich für den politischen Charakter dieser als Huldigung für Kaiser Leopold II. gedachten Oper nicht interessiert. Die Figur des Titus verschwindet hinter der von Liebe und Machtgelüsten geprägten Beziehung von Sesto und Vitellia. Wenn Hagel das Ende umschreibt, Sesto doch noch einen Dolch in die Hand drückt und Titus final entsorgen lässt, ist das durchaus konsequent.

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