Donaueschinger Musiktage 2014 : Flocken, Flügel, Fragen

Die Donaueschinger Musiktage verbinden Klangkunst mit Gemälden, Fotos und Installationen.

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Luftikus. Ondřej Adámek und seine Air Machine.
Luftikus. Ondřej Adámek und seine Air Machine.Foto: SWR

„Zeit ist ein spitzer Kreis, ich weiß“, heißt es in einem unveröffentlichten Gedicht von Herta Müller, das die Nobelpreisträgerin in Josef Anton Riedls Lautkomposition „Schweigewatte mit Anspielung“ bei den Donaueschinger Musiktagen selbst rezitiert. In diesem paradoxen Bild scheinen sich alle Fragen, Perspektiven und Widersprüche der diesjährigen Festivalausgabe zu spiegeln. Die Scheuklappen der kleinen Musiknischenwelt zu öffnen und den Blick auf die Vernetzung von Musik und anderen Künsten in den Köpfen der Schaffenden freizulegen – mit diesem Ziel legte der künstlerische Leiter Armin Köhler den Fokus diesmal auf jene Komponisten, deren Kunst sich nicht allein auf das Tonsetzen beschränkt.

Musik ist die ultimative Zeitkunst. Aber warum sollte sie immer ausgeschlossen von anderen Ausdrucksdimensionen erlebt werden, wenn sie gar nicht so isoliert erdacht wurde? Wie berechtigt diese Frage ist, zeigt sich, wenn man in den filigranen, sparsamen Strukturskizzen von Salvatore Sciarrinos Werken erkennt, dass Stille und Nachklang in seiner Musik, ja dass jeder einsame Seufzer auch in der visuellen Darstellung dieselbe organische Balance aufweist. Auch betrachtet man die Spannung zwischen klangorientierter, atmender Sinnlichkeit und akademischem Tonsatz à la Hindemith in Friedrich Cerhas neuem Orchesterwerk „Nacht“ aus anderer Perspektive, wenn man einmal ein ungebändigtes Relief aus dicken, sudeligen Farbmassen neben einem sorgfältig angeordneten Setzkasten aus säuberlich platzierten Steinen und anderen Trouvaillen – beides aus Cerhas Hand – zu Gesicht bekommen hat.

Bei Brian Ferneyhough evozieren distanziert-minuziöse geometrische Zeichnungen seine feingliedrig geschachtelte Musik schon beim Anschauen. Und auch über Pascal Dusapins penetrant ästhetische Schwarz-Weiß-Fotografien verwunschener Winterlandschaften und melancholisch offen stehender Fenster wundert sich niemand, der die Oberflächenglätte seiner immer wohlklingenden Instrumentalmusik kennt. Von Dusapin’scher Schönschrift ist auch seine erste, neugierig erwartete Klanginstallation geprägt: Diagonal in einen Darkroom hineinprojizierte weiße Schlangenlinien und bunte Flocken, die zu einem Soundtrack aus Meeresrauschen und Windsäuseln tanzen, erinnern allerdings eher an die Lounge in einem Luxus-Spa.

Die Ausstellung „Komponisten, ihre Musik und ihre anderen Künste“ liefert quasi den Wahrnehmungsschlüssel zu den Werken, die von Klangkörpern wie dem Ensemble Modern, dem Klangforum Wien oder dem fusionsgeweihten SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg uraufgeführt wurden. Und so sehr dieses Konzept das musikalische Gesichtsfeld erweiterte, litten doch einzelne Konzerte unter der Dramaturgielosigkeit, die entsteht, wenn ein außermusikalisches Kriterium die Auswahl der Komponisten bestimmt. Denn allein die Tatsache, dass sie nebenbei Maler, Filmkünstler oder Dichter sind, konnte meist wenig inneren Programmzusammenhalt stiften.

Gerade die Autonomie der Künste, weniger die heute viel beschworene Inter- und Transdisziplinarität akzentuierte Köhler in diesem Jahrgang, der deshalb auch den Titel „und“ trägt. Während dieser Autonomie-Ansatz bei Altmeistern wie Hans Zender und Wolfgang Rihm – beide auch als Essayisten aktiv – sowie den „Auch-Malern“ Cerha, Ferneyhough und Sciarrino aufging, erwies sich die Spartentrennung bei den Jüngeren als schwierig.

Der Däne Simon Stehen-Andersen ließ einen Konzertflügel abstürzen

Bei Jennifer Walshe etwa ist an Trennung schon aus dem Grund nicht zu denken, da die irische Komponistin, Stimm-, Performance- und bildende Künstlerin ohne multiple simultane Output-Kanäle vor Einfällen wohl implodieren würde. Sie kommt diesem Problem mit einem Dutzend Identitäten bei, die ihr erlauben, ihre fast übermenschliche Ideenflut in hochoriginellen fingierten Künstlerpersönlichkeiten zu bündeln. Von der Interaktion mit einer absurden Multimedia-Collage lebt auch ihre atemlose, vielschichtige Live-Performance „The Total Mountain“, in der sich selbst hinter dem scheinbar albernsten Aerobic-Klamauk eine scharfe Kritik an unserer virtuell dominierten Realität verbirgt.

Auch das Donaueschinger Highlight des Jahres wohnte im Zusammenspiel: nicht nur von Komposition und Videokunst, sondern auch von einem intakten und einem zertrümmerten Konzertflügel (Nicholas Hodges, Klavier). Kaum zwei Sekunden dauerte der echte Flügelsturz, den der junge Däne Simon Stehen-Andersen in unterschiedlichen Einstellungen filmisch festhielt und zum Grundmaterial seines Orchesterwerks „Piano Concerto“ machte, wofür ihm das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg prompt den jährlich verliehenen Orchesterpreis zusprach. Zeitlupe und Zeitraffer, Vor- und Rückwärtsspiel von Bild und Ton geben dem Stück seine Taktung und Gestalt, in die Steen-Andersen eine quasi mimetische Orchesterpartitur hineinwindet. Und während die anfangs faszinierenden Effekte nach reichlich Wiederholung an Wirkung verlieren, tut sich eine ironische Metaebene auf, die die Frage nach dem Umgang mit althergebrachten musikalischen Formen nicht nur aufwirft, sondern virtuos und entwaffnend geistreich durch die Luft wirbelt.

Dass aber auch bei der jungen Generation das Zusammenspiel der Künste einem Werk nicht nur Dimensionen verleihen, sondern diese auch vernichten kann, zeigte Ondřej Adámeks Stück „Körper und Seele“ für Air-Machine, Chor und Orchester. Während Adámeks Klanginstallation für Air-Machine – ein nur mit Luftzufuhr betriebenes Gebilde, das gespenstische weiße Gummihände und Faschingströten ausfährt und dazu markerschütternde Schreie in ruhigem Atemrhythmus produziert – an Genialität grenzt, verliert diese Maschine als Teil der Orchesterkomposition jegliche Magie des Eigenlebens und verkommt zur lächerlichen Spielerei. Ein Plädoyer wiederum für die Autonomie der Künste, die sich aber im Kopf oder in der Umsetzung nicht voneinander trennen lassen? Dieser ebenso nagende wie beflügelnde Widerspruch blieb in Donaueschingen nach drei Tagen als spitzer Kreis im Raum stehen.

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