Doris Dörrie : „Wer vorsätzlich langweilt, ist arrogant“

Doris Dörrie hat Ferdinand von Schirachs Kurzgeschichte „Glück“ verfilmt. Ein Gespräch über Rotlicht, Romantik und das Universum Berlin.

Regisseurin Doris Dörrie. Foto: Constantin/Dieter Mayr
Regisseurin Doris Dörrie. Foto: Constantin/Dieter Mayr

Frau Dörrie, ein seltener Moment von Seligkeit heißt in Ihrem Film „der Wuppdich“ – wann hatten Sie Ihren letzten Wuppdich?

Den habe ich eigentlich ständig. Ein richtig guter Kaffee reicht bei mir schon. Jedem Augenblick eine Chance zu geben, dass man in ihm sein Glück entdeckt, darum geht’s. Meine Filmhelden Irina und Kalle haben wirklich ganz schlechte Karten. Aber dass sie sich trotzdem auf ihr Glück einlassen, das ist das Großartige an der Geschichte, und deshalb wollte ich sie erzählen.

Warum haben Sie ausgerechnet diese Geschichte aus Ferdinand von Schirachs Bestsellerband verfilmt?

Zufall. Ich bin Bücherfresser und lese jede Woche fünf bis sieben Stück. „Glück“ hat mich einfach gepackt, da hatte ich als Drehbuchschreiberin das Gefühl, da kann ich was dazu geben, da ist viel Luft für mich. Schirach beschreibt ja nur den Kriminalfall, nicht die Liebe der beiden.

Der Film ist eine Meditation auf die Untrennbarkeit von Glück und Unglück: Sehen Sie beides als eine Art Yin und Yang menschlicher Existenz?

Ja, und auch wenn es wie ein seltsamer Widerspruch klingt, wenn wir uns über unser gemeinsames Unglück etwas klarer wären, dann hätten wir so viel mehr Mut zum Glück.

Was bringt den Menschen mehr zu sich: Glück oder Unglück?

Wahrscheinlich das Unglück, weil wir es besser teilen können und sollten. Das verbindet uns viel tiefer mit dem anderen. Die beiden Helden in „Glück“ reden nicht viel, aber sie haben ein großes Gespür für das Unglück des anderen. Das haben wir ein bisschen verloren. Wenn ich Leute frage, wie geht’s dir?, sagen inzwischen immer alle: Super! Das fällt mir besonders in Berlin auf. Ich sehe immer weniger den Mut, traurige Dinge zu teilen.

Ist Ihr Filmort Berlin eine Stadt der Glücksritter? Oder eher eine der Verlorenen, des menschlichen Strandguts?

Beides. Irina und Kalle starten als Strandgut und werden zu Glücksrittern, weil sie sich nicht damit zufriedengeben, dass sie die Abgeschriebenen sind. Besonders Irina, die gewinnt eine ungeheure Kraft, weil sie sich trotz ihres Bürgerkriegstraumas entscheidet, wieder zu fühlen.

Irina kommt aus Osteuropa. Woher genau, erfährt man nicht.

Das verorte ich mit Absicht nicht genauer. Ich will kein Schlupfloch bieten, sonst sagt das Publikum: Ach, das ist eine Geschichte aus Bosnien, aber das ist ja längst vorbei. Dabei findet diese Art von Kriegstrauma jederzeit statt, ist universell.

Irina arbeitet auf dem Straßenstrich. Wieso verlegen Sie den im Film von der Kurfürstenstraße in die Wilmersdorfer Straße nach Charlottenburg?

Weil man in der Kurfürstenstraße nicht drehen kann. Die Frauen, die da wirklich arbeiten, sollte man nicht vor die Kamera zerren. Aber ich kenne die Ecke sehr gut, wir hatten da unser Produktionsbüro.

Das Rotlichtmilieu kennen Sie schon seit 1986, als Sie die Tragikomödie „Paradies“ auf der Reeperbahn drehten.

Da habe ich drei Monate im Puff gewohnt, seitdem bin ich Fachfrau (lacht). Das war eine sehr lustige, aber auch sehr erschreckende Zeit. Prostitution wird ja den Männern immer über Romantik verkauft. Das ist der Deal. Deshalb das rote Licht, die Kristallaschenbecher, die Requisiten, es ist ein ganz bestimmtes Gefühl, was verkauft wird, nicht nur Sex. Das kann man selbst an Michael Glawoggers Dokumentarfilm „Whore’s Glory“ und an Dominik Grafs „Im Angesicht des Verbrechens“ beobachten. Da wird auch Härte beschrieben, aber trotzdem ist die männliche Vorstellung von Prostitution immer eine mythische und romantische. Darum bemühe ich mich, Irinas Gewerbe sehr lakonisch und nüchtern zu zeigen.

Berlin von ganz unten eben. Sie haben in „Nackt“ und „Die Friseuse“ Prenzlauer Berg und Marzahn filmisch ausgelotet, und jetzt Charlottenburg: Was für eine Stadtlandschaft, was für eine Projektionsfläche finden Sie in dieser Stadt?

Für mich sind das ganz viele Städte auf einem Haufen. Ich habe in zwei Jahren hier zwei Filme gedreht und war dabei auf unterschiedlichen Planeten. In Marzahn gab es ein Bewusstsein der Bevölkerung, wer einem zuguckt. Das sind Antennen, die historische Ursachen haben, ein Filmteam wird einfach bemerkt. Auf der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg gibt’s eine Lässigkeit, Gleichgültigkeit, die faszinierend ist, weil da überhaupt nix mehr auffällt.

Gruselt Sie diese abgestumpfte Ignoranz?

Schon, weil man da ohne Kopf am Straßenrand sitzen kann, ohne dass jemand fragt, ob einem was fehlt. Dann gibt es aber auch eine überraschende Großzügigkeit einem Bettler wie meinem Helden Kalle gegenüber. Der bekam beim Dreh vor Feinkost Rogacki oft Geld. Wir halten uns mit unseren Szenen ja direkt im Alltag auf, sperren nichts ab und sind nicht als Filmteam erkennbar.

Sie beklagen die „komplette Ablösung des Festivalfilms vom Publikumsfilm“.

Es gibt inzwischen den Museums- oder Festivalfilm, der nur in diesem geschützten Rahmen existieren kann, und den, der außerhalb davon die Menschen im Kino erreicht. Ich finde es schade, wenn wir Regisseure damit den Kommunikationsraum Kino kampflos aufgeben. Viele meiner Kollegen geben sich zu bereitwillig damit zufrieden, dass sie nur auf Festivals laufen. Ich möchte aber gerne, dass das Kino in der Verbindung mit dem Publikum weiterlebt.

Wie muss denn ein Film sein, der auf Festivals und im Kino besteht?

Das weiß man nie so genau, das ist das Gefährliche am Filmemachen. Ich will die Leute unterhalten. Sie vorsätzlich zu langweilen, ist doch wahnsinnig arrogant. Obwohl Langeweile in Deutschland im Feuilleton zuweilen besonders goutiert wird. Ich will aber gar nicht rumhacken, sondern eine Lanze dafür brechen, dass wir die Verabredung mit dem ganz normalen Publikum nicht komplett aufgeben.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

15.2., 22.30 Uhr (International) sowie am 16.2., 18 Uhr (Cubix 8)

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