Dorothy Ianone in der Galerie September : Liebes Leben

Die Galerie September breitet das einmalige Werk von Dorothy Iannone aus

Christiane Meixner

Das Depot ist leer. Ausgeräumt bis auf ein paar Arbeiten von Dorothy Iannone, die gerade nicht in der Welt kursieren. Als Massimiliano Gioni vor ein paar Jahren in derselben Charlottenburger Wohnung stand, sah das noch etwas anders aus: Da war die Künstlerin von ihren Lieben – den Gemälden, Videoboxen und Zeichnungen aus Jahrzehnten – umgeben.

Gioni hatte sich mit den beiden anderen Kuratoren der Berlin Biennale von 2006 auf die Suche nach den ältesten in der Stadt arbeitenden Künstlern gemacht. Und Iannone, die nach einem Stipendium des DAAD 1976 geblieben war, obwohl es sie vorher durch die Welt gerissen hatte, bot ihnen nicht nur die perfekte Berlin-Biografie. Über fünf Jahrzehnte Kunstgeschichte kulminieren dazu im Werk der 1933 Geborenen, ihre heftig intensive Liebesbeziehung zum Fluxus-Star Dieter Roth inklusive. Die Kuratoren waren entzückt, zeigten die Arbeiten während der Biennale und ebenso in ihrer legendären Londoner Wrong Gallery – und waren damit ganz nah am großartigen Comeback einer Künstlerin, die zwar immer präsent gewesen, nun aber überall gefragt ist. Die renommierte französische Galerie Air de Paris betreut und verkauft das Werk inzwischen, doch auch in Berlin ist Iannone momentan vertreten: in der Einzelausstellung „Follow Me“ der Galerie September.

Fünf Bilder, zwei Skulpturen zu Preisen zwischen 60 000 und 300000 Euro. Drei Siebdrucke (je 1400 Euro) ergänzen die Schau. Das klingt erst einmal übersichtlich, doch Beschränkung tut bei Dorothy Iannone not, weil sich jede ihrer Arbeiten zu einem Universum der Farben, Körper, Texte und üppigen Ornamente weitet, die um Aufmerksamkeit buhlen.

Genau hingeschaut haben bei Inannone auch die Sittenwächter der siebziger Jahre. Einmal sollten die aufgemalten Genitalien einiger ausgesägten Figuren hinter Klebeband verschwinden, ein anderes Mal fühlte sich der britische Zoll von ihren Künstlerbüchern derart unter Druck gesetzt, dass er sie verbrennen ließ. Pornografie lautete der stereotype Vorwurf, und er bezog sich weniger auf die prallen weiblichen Brüste oder Geschlechter als vielmehr auf jene erhobene Männlichkeit, die Iannone in ihrer Malerei explizit feiert, dabei aber mit so vielen Herzen und Blümchen kombiniert, dass man sofort an Sex und Liebe denkt.

Pornografisch ist das nicht, eher ein sinnliches Manifest. Iannone verzehrt sich nach jenem ekstatischen, alles auflösenden Moment, der aus zwei Menschen einen Körper macht und transzendente Erfahrungen ermöglicht. Dafür hat sie sich in ihren Arbeiten entblößt und die Figuren zugleich bis zur Unkenntlichkeit stilisiert, hat ihr Herz dargeboten und sich zum Medium gemacht.

Was Kunst und was Leben ist, lässt sich schwer unterscheiden: Spätestens mit der Trennung vom Ehemann, den Iannone für ihre sieben Jahre dauernde Liebesbeziehung zu Dieter Roth und die anschließend lebenslange Freundschaft verließ, fließt beides zusammen, weil die Geschichte des Paares überall in den Arbeiten aufscheint. An anderes Exempel ist die Videobox „Follow Me“ von 1977: ein fast vier Meter langer Paravent, auf dem sich gezeichnete Figuren mit dem gefilmten Gesicht der Künstlerin vermischen. Was sie singt und spricht, steht noch einmal auf den Flügeln der Installation, die sich groß und pompös wie ein Altar in der Galerie behauptet.

Wer mitliest, wird selbst zum Akteur dieser naiv gestalteten, manchmal fein ironischen und dabei lebensweisen Panoramen. Und vielleicht ist Iannones Arbeit deshalb aktuell so begehrt – weil drei Jahrzehnte nach dem Schrecken über ihren offensiven Umgang mit Sexualität endlich sichtbar wird, wie unverstellt authentisch Iannone agiert. Eine Angebot voll emotionaler Verbindlichkeit, die den Betrachter berührt.

Galerie September, Charlottenstraße 1; bis 25. Oktober, Di-Fr 11-19 Uhr, Sa 11-18 Uhr.

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