Kultur : Drama, Baby!

Charmant: Marc Almond im Berliner Huxleys.

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„Wer hat’s erfunden?“ Das Posen, Voguen, das Kokettieren vor einem unsichtbaren Spiegel, die Freiheitsstatuenhaltung, die im Pathos gefangene Selbstumarmung? Madonna, Frankie Goes To Hollywood, Bill Kaulitz, Bowie, Drama, Baby, Drama? Pah. Er hat’s erfunden: Marc Almond. Gut, mit der Hilfe von Bowie vielleicht. Der Soft-Cell-Gründer und New-Wave-Solokünstler Almond, der im Juli auch schon seinen 55. feiert, war immer Bowie-Fan, und man hat vieles gemein: Beide sind Briten, beide sind (oder waren) schmächtig, beide können Schalk mit Drama verbinden, beide haben ergreifende Stimmen, die gern lebendig auf den Melodien herumwackeln. So sehr, dass Almond beim Konzert im BerlinerHuxleys manchmal gar auf den falschen Tonhöhen landet, allein – das ist charmant! Schließlich geht es hier nicht um Genauigkeit, sondern um Ausdruck. Den hat sie, die Diva aus Lancashire, der man ihre Herkunft vor allem in Hüfthöhe ansieht: Das britische Plautzen-Gen hat auch ihn nicht verschont.

Macht aber nichts, wer sein T-Shirt so verschämt immer wieder am ansonsten rank gebliebenen Körper herunterzieht, weil es bei der Freiheitsstatue gerade hochgerutscht ist, dem steht so etwas. Sein schwerer Motorradunfall von 2004 scheint ihn glücklicherweise auch nicht mehr zu kratzen. Ganz in Schwarz mit Hut, hervorragender Laune, steht und sitzt und singt Almond über eine Stunde auf der Bühne. Und wer da war, dem gefiel’s. Der hatte alte Freunde angerufen und sang nun gemeinsam begeistert mit, um sich selbst und Almond und der Erinnerung eine große Freude zu machen: „Dancing, Laughing, Drinking, Loving“ im tollen, bitteren „Bedsitter“-Song, „The angels sighed/a little girl cried/the tears run rings/around my eyes“ in „Tears Run Rings“, „Time to walk away / and end the story / but remember that we were brilliant creatures“ in „Brilliant Creatures“.

Und irgendwann fiel es einem wie Schuppen aus der 80er-Frisi: Eigentlich hat Almond stets vorgearbeitet, und schon damals, in ebendiesen 80ern, zu „Tainted Love“- und „Say Hello, Wave Goodbye“-Zeiten zeitlose Themen behandelt. Vergänglichkeit, Drama, Älterwerden. Hatte quasi ein Leben lang am Vanitas der Popmusik gefeilt. Mit ehrlicher Inbrunst, die ihm geblieben zu sein scheint, mit der begeisterten Theatralik des ehemaligen Performing-Arts-Studenten, und natürlich mit der echten Leidenschaft eines Gefühlsmenschen, der schon Queerness lebte, als man hierzulande noch darüber stritt, wie man es schreibt.

Dass bei ein paar Stücken die fast 60-jährige Baby Dee im rosa Plüschmantel auf die Bühne kam, und ihren Kollegen mit Akkordeon und Gesang unterstützte, lässt Almonds Intention noch um ein paar Kilo Credibility wachsen. Und wenn auch der Rest der Begleitband manchmal wie eben eingekauft wirkt, und fast sämtliche elektronischen Sounds und einige Backgroundgesänge geldsparende Samples sind – was soll’s? Wie heißt es in „The Days of Pearly Spencer“?: Das Rennen ist fast gelaufen. Aber keine Sorge, ein paar Runden sind garantiert noch drin. Jenni Zylka

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