Kultur : Drehende Derwische

TANZ

Franz Anton Cramer

Der mystischen Weltsicht, ob christlich oder islamisch, ist die Bestürzung darüber eigen, dass im engen Leben des Einzelnen Raum für grenzenlose religiöse Erfahrungen sei. „Ich bin so klein!“, ruft auf der mit zwei armseligen Marktbuden bestückten Bühne des Hebbel-Theaters die Brasilianerin Zula Lemes, „wie kann so große Liebe in mir sein?“ Sie zitiert Mevlana Dschelaladin Rumi. Der iranische Gelehrte gründete im 13. Jahrhundert den Orden der Drehenden Derwische. Schauspieler und Regisseur Yoshi Oida hat dieser Figur die szenische Collage „Recipes for love“ gewidmet. An Rumi fasziniere ihn die Freiheit, mit der er die Schriftreligion überwunden habe, sagt Oida, der schon mehrfach spirituelle Erkenntnis zum Thema locker gefügter Bühnenabende gemacht hat. „Recipies for love“, von Zula Lemes und José Luis Sultán dargeboten, musikalisch von João de Bruco getragen, hat nicht die feine Erhabenheit von Oidas Soloauftritten. Lorna Marshalls Textvorlage entgeht nicht der Falle des Sentenzenhaften und der illustrierten Küchenweisheit. So werden die ausgedehnten Tanzszenen auf paradoxe Weise zu Ruhephasen, während die Rezepte für den mystischen Alltag der Liebe vor allem überzeugen, wenn sie humoristisch gewürzt sind. Andererseits gilt: Mystik zielt aufs eigene Erleben. Und so ist die Klammer des Stücks – es wird dem Bühnenpersonal strikt untersagt, Speis und Trank ins Publikum zu reichen – auch Metapher religiös motivierter Theaterskizzen: Es bleibt der Hunger nach dem Eigentlichen (noch einmal heute, 20 Uhr) .

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