Kultur : Drehorgel mit Groove und gestanzte Klangkaskaden

Uwe Friedrich

Mit elegantem Handgelenkschwung bringt Pierre Chaval seiner Drehorgel den Groove bei. So hat er dem Instrument den stupiden Rumtata-Rhythmus ausgetrieben und es zum Jazz-Instrument geadelt. Und stiehlt dem Saxophonmeister Michael Riessler beim Konzert in der Passionskirche fast die Show. Mal schmeichelt es sich ein wie eine Blockflötengroßfamilie, dann wieder treibt Chaval das Instrument zum irrsinnigen Tanz der gestanzten Klänge. Gegen diese Klangkaskaden haben es die übrigen drei Musiker nicht leicht. Auch Jean Louis Matinier sind die herkömmlichen Möglichkeiten seines Akkordeons zu wenig. Er trommelt auf Kasten und Tasten, deutet Klänge nur an, lässt den Ton mit der Drehorgel oder mit Elise Carons geschmeidigem Gesang verschmelzen. Wie schon bei "Honig und Asche" streift Michael Riessler auch beim neuen Werk "Orange" durch den Steinbruch der Musikgeschichte. Die Fundstücke kombiniert er dann zu einem melancholischen Blick durchs Kaleidoskop. Über minimalistischen Tonwiederholungen erheben sich Instrumentalsoli und Gesangsfetzen, auf dem Sopran- und Tenorsaxophon wechselt Riessler zwischen schwierigsten Läufen und singbar schwebenden Melodien. Kaum einmal führt seine Musik in die Regionen des Atonalen und der Klangflächen. Der übliche Einwand gegen diesen Schönklang lautet "Avantgardeverzicht", aber was heißt das schon? Michael Riessler ist eben wunderbar altmodisch in seinem unbeirrbaren Verstoß gegen die Hörkonventionen des avancierten Jazz. Hier gibt es keine selbstverliebten Experimente, keine Beliebigkeit der Geräusche. Hier bannt das Quartett den Zuhörer vielmehr mit geradezu schwindelerregender Perfektion.

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